AUF REISEN

Post aus: Indien

Indien01Es ist unmöglich und auch nicht in dem Sinne der Autorin, etwas zu pauschalisieren. Indien, das merkt man schon in der heimischen Bibliothek beim Durchblättern der Lektüre für den ersten Eindruck, lässt sich nicht in ein paar Wochen bereisen. Selbst Monate würden wohl all die Facetten des Exotischen und auch der Bandbreite an spannenden Aspekten nicht preisgeben. Dies wird auch direkt in den ersten Minuten nach der Landung beim Aussteigen aus dem Flugzeug deutlich. Die Wahl meiner Begleitung und mir fiel auf das quirlige Mumbai, aus zweierlei Gründen: Die Flüge nach Mumbai kosten, auch wenn man sie kurzfristig noch bucht, verhältnismäßig wenig und zudem hatten wir uns in den Kopf gesetzt, die Westküste hinunter zu reisen bis nach Cochin. Dies ist die zweitgrößte Stadt im Bundesstaat Kerala.

Indien02Schon im Flugzeug wird man auf Indien eingestimmt, es gibt Reisgerichte in handlichen Aluschalen – wahlweise mit Huhn oder vegetarisch. Vor dem Airport warten zahlreiche Tuktuks, süße, kleine und bunte Autorickschas ausgerüstet mit drei Rädern, auf ihre Kundschaft. Wir entschieden uns trotz der Verlockung für ein geschlossenes und nicht so luftiges Taxi. Rückblickend war dies auch eine gute Entscheidung, um einen - noch etwas distanzierten - Eindruck zu erhalten. Wer nach Mumbai in das Zentrum möchte, kommt nicht darum herum, an vielen Slums vorbei zu fahren. Man sieht und fühlt die Armut auf eine neue Art. Dies muss einem bewusst sein, wenn man sich für eine Reise nach Indien entscheidet: Europäische Standards sind, sofern man nicht in hochpreisigen Luxushotels absteigt, nicht mehr gegeben. Man verlässt gewohntes Territorium und begibt sich mitten hinein in eine faszinierende neue Welt, die einem duftgeschwängert und mit lautem Getöse empfängt. Dieses kommt leider nicht in erster Linie von trompetenden Elefanten, sondern vielmehr von narzisstischen Hupen, die sich in den Gehörgang winden, dank ihrer unüberhörbaren Präsenz. Wer nicht vorab eine Unterkunft recherchiert hat, wird bereits auf erste Problematiken stoßen. In Indien ist es ratsam zu wissen, was man möchte. Auf der Straße wird man ansonsten oftmals angesprochen und in dubiose Hotels gelockt. Wir hörten solche Erlebnisberichte von anderen Backpackern, hatten aber auf Grund verschiedener vorheriger Maßnahmen und (indischer) Apps keine Probleme solcher Art. In Mumbai hielt es uns zudem auch nicht lange, denn die Masse an Menschen, die geschäftige Hektik und das viele Fragen nach Fotos mit uns, verwirrte und beängstigte uns. Ein Gefühl der Beklemmung machte sich breit, zudem fühlte es sich an, als ob man nicht richtig atmen könne und so beschlossen wir, sehr rasch, unsere Entdeckungstour auf den Bundesstaat Goa zu verlagern. Dies ist der kleinste von den 28 Bundesstaaten und liegt an der mittleren Westküste Indiens. Es gibt zudem sieben Unionsterritorien, diese und die Bundesstaaten sind wiederrum in mehr als 600 Distrikte unterteilt.

Indien03Nach Goa gelangten wir mit dem Zug. Nachdem wir uns kurz vor der Kassa in Mumbai von einer Frau abfingen ließen, die uns die Tickets für einige Euros teurer verkaufte als eigentlich nötig, waren wir ab dem Zeitpunkt umso mehr auf der Hut. Während so einer Fahrt erlebt man allerlei, das offene und ehrliche Interesse der Inder ist sehr direkt und kommt von Herzen. Englisch ist im Allgemeinen Voraussetzung, doch es geht auch mit Händen, Füßen und Gesten, etwa wenn die alte Frau im Schneidersitz auf der gegenüberliegenden Sitzbank, uns eine ihrer selbstgemachten Schmankerl anbot.

Wir setzten uns nach Arambol ab, eine sehr farbenfrohe und quirlige Hippiehochburg. Arambol Beach eignet sich ideal für ausgedehnte Strandspaziergänge und kleine Snackverkostungen an den angrenzenden Cafés. Jedes lockt auf seine Art mit wehenden Tüchern, leuchtenden Sitzpolstern und exotischem Essen. Es werden zudem täglich Workshops angeboten, oftmals ist eine Teilnahme schon ab umgerechnet 2-5 € möglich. Viele der Kurse haben einen spirituellen Touch und sollen dazu dienen in das Fenster zur Seele zu blicken. Ich glaube, niemand hätte auch etwas anderes erwartet…

Indien04Doch lange konnten meine Reisebegleitung und ich uns den Raum für Müßiggang und Strandfeeling nicht hingeben. Es reizte uns nach mehr. Wenn man nicht auf der Suche ist und keine spirituellen Gespräche auf Dauer führen möchte, kann Arambol bzw. Goa im Allgemeinen etwas anstrengend werden. So entschieden wir uns, die verbleibende Zeit direkt im Süden zu verbringen, der uns bereits vom Hören-Sagen mit prächtigen Szenerien und viel Grün angepriesen wurde. Über kleine Abstecher innerhalb Goas gelangten wir in einen Zug nach Cochin. Immer wieder gibt es Komplikation mit der Kommunikation in welche Städte wir wollen. Dass Problem ist in Indien für Touristen überall das Gleiche: Doppelnamen der größeren Städte sind an der Tagesordnung. In den letzten Jahrzehnten wurde z.B. aus Madras "Chennai" und aus Bangalore "Bangaluru“. Eine Regel, die besonders für Mumbai gilt ist diese: Wer über die Stadt schreibt, benutzt die Bezeichnung "Mumbai", wer darüber spricht, verwendet "Bombay".

Indien05Nach einer 14-stündigen Zugfahrt im Schlafwagon gelangten wir nach Cochin und waren sogleich begeistert. Die Menschen kamen uns auf einmal nochmals aufmerksamer und freudvoller vor, es herrschte im Vergleich zum Norden eine andere Form der geschäftigen Hektik, die es uns sehr antat. Die Backwaters sind absolut sehenswert und bieten sich für einen Tagestrip an. Man kommt sich zeitweise wie auf einem Seitenarm des Amazonas vor: verschlungene Wasserpfade, Vogelgeschrei und üppiges Grün, wohin das Auge auch schaut. Von Ernakulam aus gibt es eine Fähre, welche die Besucher nach Fort Kochi bringt. Hier herrscht künstlerisches Schaffen und kreatives Design. Es gibt allerhand hippe Cafés und coole Stores. Eine willkommene Abwechslung zu den Chai Tees und Reisgerichten. Besonders in das Herz geschlossen haben wir das Qissa Café. Durchgestylt und auch auf der Karte ein Blickfang, an einigen Tagen haben wir dort den kompletten Nachmittag verbracht und uns durch das Menü gekostet.

In Munnar, weiter im Landesinneren, hielten wir uns ein komplettes Wochenende auf und besuchten eine traditionelle Teeplantage. Hier erfuhren wir alles über die Ernte, Herstellung und den anschließenden Trinkgenuss. Die weiten Felder mit den perfekt und akkuraten Linien dazwischen werden mir wohl noch eine ganze Weile im Hinterkopf schwirren.

Indien bietet wahrlich für jeden etwas, selbst wenn man nach nichts direkt Ausschau hält, fallen einem gerade dann die aufregendsten Abenteuer direkt in den Schoß. Das Land sollte man nicht verpassen, aber eines ist sicher: War man einmal dort, wird man auch irgendwann wiederkehren. Der Duft nach Chai-Tea, Gewürzen und der Ruf Indiens in seiner ganzen Intensität ist einfach ein zu starker Sog und besitzt eine Anziehungskraft, über die sicherlich noch so einige Studien hervorgebracht werden.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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