AUF REISEN

Post aus: Paris

Ich bin in Paris. Wieder und wieder. Es ist die erste Stadt, in der ich einen längeren Aufenthalt im Ausland erlebt habe, daher fühlt sich Paris für mich manchmal auch an, wie eine intime Errungenschaft. Gut, sind wir ehrlich. Der culture clash hätte gröber sein können. Nach zwei Monaten hatte mein Gang sich zwar beschleunigt (GroßstädterInnen gehen bekanntlich nicht, sie hasten), mein Geruchssinn war abgehärteter und mein Gaumen um einige Erfahrungen reicher. Aber Europa bleibt dann doch Europa. Paris bleibt dann doch eine europäische Metropole, deren Innenstadt Fassaden, versteckt hinter den H&Ms, Zaras und Nespresso Shops, einander irgendwie alle ähneln. Zwei Monate dauerte es, meine Radien zu erweitern, nicht immer dieselben Wege von der Uni nachhause zu gehen, um mich nicht zu verlaufen und von den Häuserschluchten und Metro Schächten verschlucken zu lassen. Nach zwei Monaten wollte ich verloren gehen und bin so auf jene Orte gestoßen, die mein Stadterleben und Empfinden retrospektiv geprägt haben. Paris ist mir trotz all dem Schmutz, der Armut, den Clochards, den Gerüchen, der überfüllten Linie 13, den Sprachbarrieren und der Hast intim geworden. Vielleicht aber auch gerade wegen all dieser Dinge.

paris02URBAN SOLLST DU SEIN
Meine anfänglichen Touren brachten mich häufig in den 19. und 20. Arrondissement, in den Park de la Villette, mit seinen futuristischen Bauten, über den Bassin de la Villette, das Venedig von Paris, in die Nähe der Metro Stationen Stalingrad, Riquet und Jaures. Hier, 5 Rue Curial, versteckt in einer riesigen, alten Halle befindet sich das kulturelle Forum 104. Es ist ein Ort, der zum Verweilen lädt. Die große, ausgebaute Fläche wird bevorzugt von TänzerInnen, AkrobatInnen, Zirkusschulen, Theatergruppen und anderen Kunstaffinen bevölkert, welche dort tanzen und proben. Ein Ort, an dem man einfach sein kann, die ideale Nutzung des öffentlichen Raumes, ein Stück Stadt, das ihren BewohnerInnen zurückgegeben wurde. Eine nette Bar und eine tolle Buchhandlung gibt es dort übrigens auch!

paris01Da wir ja schon in der Gegend sind und langsam Hunger bekommen, gehen wir weiter, entweder in die Cantine de Quentin (52 Rue Bichat) am Canal St. Martin (sollte das Börserl gerade besser bestückt sein als sonst), ein Restaurant, das köstliche französische Küche, hergestellt aus regionalen Produkten, anbietet. Bei geringer Spendierfreudigkeit verschlägt es uns in die Nähe von Chateau Rouge, zu einer kurdischen Sandwicherie (Urfa Durum, 56 Rue de Faubourg Saint Denis).

Zum Verdauen legen wir uns entweder auf einen der Hügel des Buttes-Chaumont (der Türkenschanzpark von Paris), oder wir schlendern Richtung Bastille und besuchen für läppische vier Euro für StudentInnen das Maison Européene de la Photographie, in der Rue de Fourcy. Alternativ könnten wir natürlich auch die Cinémathèque Française aufsuchen, und uns Retrospektiven zu Jean Eustache und Alain Jessua ansehen.

paris03ROTWEIN, VIEL ROTWEIN
Da der Himmel sich langsam rosa färbt (im Sommer erst gegen 22:00, das ist immer wieder krass), ist es Zeit für 'en terrasse'. Bars gibt es in Paris ja zur Genüge, allerdings gilt es aufzupassen, wo man sich niederlässt, da ein großes Bier in der falschen Bar schon einmal 10 Euro kosten kann (Vor allem in der Gegend um Saint Michel). Besonders lauschig hat man es in den Bars Au Rêve in Montmartre, 89 Rue Caulaincourt, in der Bar Aux Ours (236 Rue des Pyrénées, beste Käse Planche, die ich je kosten durfte), oder unter den Girlanden des L‘Antipode, ein umfunktioniertes Schiff am Bassin de la Villette. Die Aufzählung muss hier abrupt enden, da es einfach zu viele Spelunken gibt, für ein StudentInnenleben in Paris.

Wer nachher noch tanzen will, nimmt den Weg stadtauswärts auf sich und fährt nach Montreuil. Hier, 6 Place du Marché, befindet sich seit einiger Zeit ein kleiner Club, Le Chinois, für den man nicht 30 Euronen für den Eintritt blechen muss und dennoch toll tanzen kann!

Wer Paris also lediglich von seiner klassisch schmucken Seite kennt, der_dem kann ich nur raten, ein paar Stationen Richtung Stadtrand zu fahren. In der Banlieue leben nämlich auch zahlreiche Menschen, die sich weder Le Pen, noch Macron wünschen, hier beobachtet man arabische Familien beim Boule spielen und französische Familien beim Dürüm essen. Hier leben jene, denen die Mieten in der Stadt zu hoch und die Wohnungen zu klein sind, vornehmend sind es junge Familien, Kunstschaffende, EinwandererInnen und PensionistInnen. Ich will mir nicht das Blaue vom Himmel träumen. Aber manchmal weicht die Gentrifizierung auch einer sozialen Durchmischung, einem Aufbrechen von Parallelgesellschaften, einer Nachbarschaft. Am Ende lebt man ja doch unter derselben Smogwolke.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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