THEATER

Viel Leben im toten Gebirge

totesgebirge001"Totes Gebirge" ist vom Titel her nicht allzu aussagekräftig. Eine GEBIRGSFORMATION am Rande der Alpen, Ausläufer in der Steiermark, karstiges Kalkgestein. Gut, das hat jetzt nicht allzu viel mit Theater zu tun. ARZT setzt die Natur aber in einen Kontext der Gesellschaft: Jeder ist eine Insel und am Ende - wie am Berg - hauptsächlich mit sich selbst konfrontiert.

Handlungsort ist eine Psychiatrie, eine Vorlage, auf die im Theater nur allzu gerne zurückgegriffen wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Stücken wirkt sich das aber auch im Bühnenbild aus; Kernstück ist eine überdimensionale Gummizelle, aus deren Fenster sich weitere Räume erschließen.

Alles beginnt mit der Selbsteinweisung eines Lehrers (ULRICH REINTHALLER als Raimund Woising), der sich stumm aus seinem Leben entfernt hat, alles hinter sich lässt und an der Gesellschaft verzweifelt. Wenige Tage vor dem Jahreswechsel herrscht in der Psychiatrie Personalmangel, einzig die Direktorin (SUSA MEYER) und ein Pfleger als Mädchen für alles stehen den Patienten zur Seite. Abgesehen von Raimund sind aber ohnehin nur noch der halluzinierende Nepomuk Elm und Emanuel Loser (ROMAN SCHMELZER) in der Anstalt. STEFAN GORSKI spielt Nepomuk (der an den Folgen seines übermäßigen Drogenkonsums stirbt) als verzweifelten jungen Mann, der in Wahnvorstellungen seine Rettung sucht und mit kindlicher Freude daran auf einen Kometen als Erlösung wartet. Abseits seiner Anfälle fällt er wenig auf und spielt bis auf die Glanzleistung im zweiten Akt eher eine Nebenrolle. Gorski berührt hier mit der Verzweiflung, die Nepomuk überkommt, als er plötzlich beim Aufwachen mit der Einsamkeit des Lebens konfrontiert ist, nachdem er festgezurrt und vom Pfleger Priel beruhigt während eines Anfalls einschläft.
Die Rolle von Priel wird von PETER SCHOLZ als Allrounder, manchmal verzweifelt, manchmal abgebrüht, immer einfühlsam und doch mit einer gewissen Restfreude am Leben gespielt. Priel ist dadurch Ansprechpartner für alle Akteure, selbst Raimunds Schwester Josefine Schönberg (MARIA KÖSTLINGER sorgt bei ihren Besuchen immer für Aufregung in der Anstalt) fasst Vertrauen zu ihm.

Generell sind die Charaktere gut durchkonstruiert, jeder einzelne ist vielschichtig konzipiert, hat seine eigenen positiven und negativen Eigenschaften, die Schauspieler gehen allesamt in den Rollen auf und zeigen die verschiedensten Probleme unserer Leistungsgesellschaft.

Die Handlung selbst ist allerdings eher schwierig zu erzählen, denn eine tatsächliche Handlungskette gibt es kaum. Die unterschiedlichen Entwicklungen der einzelnen Personen, ihrer Beziehungen zueinander (ein großartiges Beispiel ist die sich fast entwickelnde Romanze zwischen dem überschwänglichen Emanuel und der abgeklärten Josefine) stellt die eigentliche Handlung dar. Im Zuge derer sind immer wieder Anspielungen auf altbekannte Probleme des täglichen Lebens, Neurosen, Selbstzweifel und vergangene Gespenster zu finden, auch den Vergleich mit dem Biedermeier scheut Arzt nicht. Die Analogie vom heutigen Rückzug ins Privatleben mit dem Rückzug im Biedermeier ist zwar etwas abgedroschen, bei Arzt kommt Raimund allerdings darauf, dass er aus dem Biedermeier herausgewachsen ist und steht zu seinen Problemen.

Aufgelockert wird das Stück durch regelmäßige Gesangseinlagen, als Chor bringt das Ensemble regelmäßig Mundart-Weisheiten vor. Zwar ist der Einsatz der Lieder meistens überraschend und anfänglich deplatziert, inhaltlich passen sie aber immer dazu und sind ziemlich unterhaltsam.

Insgesamt lässt sich "TOTES GEBIRGE" als Gesellschaftskritik beschreiben, für genauere Beschreibungen ist die Handlungsebene zu wenig ausformuliert. Die inhaltliche Ebene als Spiegel der Gesellschaft ist dafür pointiert, auch kleine Details (wie etwa das unauffällig ausgelebte Alkoholproblem der Direktorin) führen zum Schmunzeln, viele andere Aspekte zum Nachdenken. Notfalls kann man es ja wie das Premierenpublikum machen und es mit Humor nehmen, wenn der Blick in diesen Spiegel zu treffend ist.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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