THEATER

Einmal tief Luft holen

atmenDas Leben ist nicht nur schwarz-weiß und das Private ist nicht politisch – oder etwa doch? Die Drachengasse inszeniert Duncan Macmillans "Atmen" in Eigenproduktion und lässt dabei einige Fragen offen. Ob diese Inszenierung es schafft, einer ganzen Generation von Elektroautoenthusiasten und Mülltrennern den Spiegel vorhalten, kann noch mit einem Theaterbesuch bis zum 6.2. herausgefunden werden.

In minimalistisch anmutenden schwarz-weißen Kostümen betreten Paola Aguilera und Astrit Alihajdaraj die steril weiße Rahmenbühne, die den Bühnenraum der Drachengasse begrenzt und so teilt, dass die Zuschauer nur zu den Sitzplätzen der anderen Seite gelangen, wenn sie über Hinterbühne gehen.

So ist es den beiden Schauspielern mit wenigen Schritten möglich, den Raum neu zu befüllen und sich in ihn einzuschreiben. Themen, die wie neu aufgemachte Ideenräume aus der Fiktion geholt werden, werden mittels einstudierter Choreographien und Schrittabfolgen durch das Annähern und Abstoßen der Körper ver- und aufgeworfen. Es wird klar: Hier wird etwas ausgestellt und mehr diskutiert als ein einfacher Beziehungsstreit zwischen zwei Partnern: die Entwicklung einer Generation. Beide sind selbstverwirklichende, denn „man darf nicht langweilig werden“, sich ökologisch nachhaltig verhaltende und bewusst ernährende Menschen, die eigentlich soweit zufrieden sind mit ihrem Leben. Als jedoch im ähnlich sterilen Ikea die Frage nach einem Kind aufkommt beginnen die beiden ein Netz aus Ausflüchten, Widersprüchen und einseitigen Kommunikationsverhältnissen zu spinnen, das ihre Werte und Beziehung auf die Probe stellt. Dass man aber auch als nachhaltig lebender und denkender Mensch durchaus konservativ und im System des Kapitalismus verortet sein kann, scheint etwas Neues zu sein.

So versuchen die beiden fast hilflos zu rechtfertigen, an was sie selbst nicht zu glauben scheinen, da sie es immer wieder selbstkonditionierungsartig wiederholen: Sie wollen ein Kind und sie sind doch gute Menschen.

Das Kind selbst bleibt dabei jedoch Schockerlebnis: Eine Generation, die erhalten will und ihre Gene als wertvoll erachtet - da man ja intellektuell ist - eifrige „Fair-Trade-Kaffeetrinker, Mülltrenner und Autoverzichter“, steckt unbewusst in den selben alten Mustern fest, die sie so angezweifelt hat. Das Paar verbiegt sich - denn sie beschließt, dass ein Mann einen 40 Stunden Job und nicht seine Musikkarrierefantasien braucht, um die Familie zu ernähren - und die Beziehung ätzt unter dem geerbten kollektiven Unbewussten, das auf ein zu brüchiges, von Sich-noch-ausleben-wollenden auf ein undurchdachtes Fundament gebaut werden soll.

Die Frau ist dabei rational und überdenkt alles, der Mann hingegen triebhaft animalisch, obwohl sich die Figuren der Genderklischees offensichtlich bewusst sind, da sie diese Fragen an Mutterschaft stellen, aber nicht bereit sind neue Wege zu finden und festgefahrene Muster aufzubrechen, kurz: Alternativen darzustellen. Denn wenn es dann am Ende doch klappt, gibt es Familie im Schnelldurchlauf mit happy end, und mehr wollte man im Endeffekt nicht, oder?

Und so bleibt ein schwarz-weißes Bild einer Generation zurück, das, wie die Bühne der Drachengasse, keine Grauzonen und Andersartigkeiten zulässt, oder Vorschläge macht, wie außerhalb der Konventionen sein könnte. Doch das Ausstellen der Konflikte funktioniert: Die Zuschauer lachen unterhalten, und auch an den Reaktionen nach der Vorstellung „Das war toll, oder?“, „Ein Blick in den Spiegel für jedermann“ und im Publikumsforum zeigt sich die Aktualität und Wichtigkeit der Darstellung.

Paola Aguilera und Astrit Alihajdaraj spielen sehr genau und akzentuiert die Gefühlsregungen nach und schaffen es, Ideen- und Diskussionsräume entstehen zu lassen, barfuß und lebendig in ihren allzu steifen Kostümen. Ob man sich selbst in den Figuren findet, und sich bestimmter Muster bewusst wird, oder sich eine starke Opposition gegen die Darstellungen herauskristallisiert, ist es auf jeden Fall Wert, in direkter Konfrontation herauszufinden.

Weitere Termine bis 6. Februar 2016.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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