THEATER

Wie die Gesellschaft sich selbst ruinieren wird

unterwerfungMichel Houellebecq sorgte vergangenes Jahr mit Unterwerfung für großes Aufsehen in den europäischen Feuilletons. Ali M. Abdullah insziniert das Stück im Werk X – mit einigen Aufregern.

Wenn ich diese Rezension nicht schreiben müsste, wäre ich eine halbe Stunde vor Ende des Stücks gegangen. So wörtlich nimmt Abdullah die Aufgabe der Provokation. Was natürlich wichtig ist.

Schließlich lebt Houellebecqs Stück von Provokation. Und offene Gesellschaftskritik ist eine der Aufgaben des Theaters. Abdullah sieht es selbst auch so, für ihn zeichnet sich Houllebecqs Gesellschaftsanalyse durch Aggression und Zynismus aus. Tatsächlich ist das Stück durch harte Kontraste und direkte Konfrontation mit Houllebecqs Gedanken geprägt. Eben so weit, dass für mich die Grenze erreicht war.

Houellebecq sorgte mit seiner dystopischen Vision einer moslemischen Gesellschaft für Aufregung. Auf der Bühne ist aber nicht alleine die Vorstellung, dass 2022 in Frankreich ein moslemischer Präsident gewählt wird (um den Aufstieg der Rechten zu verhindern) das Verstörende, sondern das detaillierte Aufzeigen der gesellschaftlichen Veränderung. Die, gelinde gesagt, nicht unbedingt der Wunschvorstellung entspricht – unabhängig von der Religion. Auffälliger sind die Veränderungen durch den Massendruck, das langsame Entstehen des gesellschaftlichen Konsens, lieber den Mund zu halten und auf finanziellen Ausgleich zu hoffen. Besonders kritisch kann hier auch die Rolle der Frau gesehen werden. Momentan wird sie in Teilen der öffentlichen Debatte in Frage gestellt, die Gesellschaft versucht herauszufinden, inwiefern neue Einflüsse diese Rolle der Frau verändern werden oder könnten. In Unterwerfung ist diese Frage allerdings bereits geklärt.

Inhaltlich ist Unterwerfung abseits von der Gesellschaftskritik auf der Bühne allerdings eher schwierig. Sehr schwierig. Das Stück lebt von der gesprochenen Handlung, weite Teile sind nur schwer zu veranschaulichen. Marc Fischer spielt Francois - die seinem Leben überdrüssige Hauptrolle - mit der nötigen Langeweile und Übersättigung. Andererseits sucht er so verzweifelt nach Ausgleich und einem Lebenssinn, dass es schwer anzusehen ist. Die Hoffnung auf Eskapaden und Ausschweifungen, um die innere Leere zu füllen, wird nicht einfach dargestellt, sondern Francois ist die Verkörperung dieser. Fischer hadert aber teilweise mit der Rolle: Manchmal ist Francois etwas zu übertrieben, manchmal fehlt der Druck, der das Verzweifeln glaubhaft macht.

Hanna Binder spielt dagegen einfach nur brilliant. Man nimmt ihr sowohl die Hochschulprofessorin, die die neuen Bedingungen mit Alkohol verarbeitet, als auch die manchmal überraschend ehrliche Miriam - Francois‘ Halt in seiner eigenen Verlorenheit – sofort ab. So verwundert es nicht, dass ihr endgültiges Verschwinden aus seinem Leben die Weichen für seinen Untergang in der anonymen Masse stellt.

Tatsache ist aber, dass die Entwicklung der Rollen relativ nebensächlich ist. Natürlich ist sie wichtig und man merkt auch die Leistung der Schauspieler. Christian Dolezal etwa spielt den opportunistischen Institutsleiter der Sorbonne so gut und arrogant, dass man ihm ehrlich gesagt teilweise ohrfeigen möchte. Man merkt den Rollen deshalb auch an, dass Abdullah die Schauspieler an der Rollenentwicklung mitarbeiten lassen hat und sie nicht einfach vorgegeben hat.

Dennoch ist das Miniuniversum der Gesellschaft, dass im Werk X auf der Bühne ist, wichtiger. Abdullah hat es geschafft, nicht einfach zum Denken anzuregen, sondern das Publikum dazu zu zwingen. So gesehen ist Unterwerfung ein voller Erfolg. Immerhin sieht Abdullah berechtigterweise selbst, dass die Zeit der Lehrstücke vorbei ist. Für große Teile des Stücks funktioniert das auch gut. Wie üblich gibt es eine Diskrepanz zu regulären Theaterabenden, die vierte Wand wird gleich zu Beginn durchbrochen, zusätzliche Kameras und ein Auto sind auf der Bühne, es gibt vorgetragene Begleittexte und ein junges Hintergrundensemble, dass die Gesellschaft verkörpert. Manchmal funktionieren diese Mittel aber nicht perfekt, der Hall über das Mikrofon macht die Zwischentexte wegen der Akkustik der Halle nur schwer verständlich.

Dafür ist die politische Kritik gut und offensichtlich umgesetzt. Der Aufruf nach individuellem Widerstand zur Gesellschaft und gleichzeitig die Warnung vor der überindividualisierten Masse ist greifbar veranschaulicht. Obwohl manche Szenen überspitzt sind, zahlt es sich aus, Unterwerfung anzusehen. Es ist zwar oft schwierig einen Roman auf die Bühne zu bringen, aber der wichtigste Punkt von Unterwerfung ist genau umgesetzt. Danach muss man darüber reden. Sich aufregen, die Szenarien anzweifeln und über die mögliche Zukunft der Gesellschaft diskutieren. Schließlich ist das der Grund, warum man ins Theater gehen sollte. Und im Werk X wird die politische Aufgabe des Theaters ernst genommen.

Tipp: Am 3. März bietet sich im Werk X im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Florian Klenk, Kenan Corbic und anderen die Gelegenheit zur tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema "Kampf um die Säkulare Gesellschaft.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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