THEATER

(Seelen)-Striptease

RozznjogdwerkxDas ursprünglich auf der Volkstheaterbühne 1971 mit Dolores Schmidinger und Franz Morak uraufgeführte, durch Ausstellung der Nacktheit der Hauptdarsteller und die Konsumfetischismus-Kritik damals als radikal angesehene Stück "Rozznjogd", löste einen Skandal aus, und machte Turrini schlagartig berühmt. 2014 nahm der Regisseur Phillip Ehmann das Stück erneut zur Hand, da es „nichts an Kraft und Aktualität eingebüßt hat“, und inszenierte es für einen kleineren Raum, den schwarzen Salon im Volkstheater, mit Daniela Golpashin und Jan Hutter, in der Dialekt Version.

Diese Produktion wanderte nun, 2016, in die intimen Räumlichkeiten des Eldorado, dessen längliche Bühne, bis aufwenige Plätze im vorderen Bereich abgesperrt und mit Luftpolsterfolie ausgekleidet war, wodurch jeder Schritt ein Platzen der Luftpölster verursachte. Ein schöner Nebeneffekt war dabei, dass sie scheinbar nicht ausgetauscht wurde, wodurch bei der letzten Vorstellung nicht nur das Stück, sondern auch der Raum „abgespielt“ wirkte, und die Atmosphäre der Müllhalde, auf der die Ereignisse stattfinden, noch besser evoziert werden konnte. Hier treffen ER und SIE sich nämlich, um ein wenig allein zu sein und zu schmusen. Doch bevor sie sich auf einander einlassen können, müssen sie sich erst richtig kennenlernen. Und richtig kennenlernen bedeutet, alles Künstliche ablegen, ihre Perücke, und seine falschen Zähne. ER erzählt ihr davon, dass er Ratten jagt, um sich abzureagieren, und von seinem Auto, das er Teil für Teil zusammengebaut hat, und das er deswegen in und auswendig kennt. Die Menschen ließen sich aber nicht so einfach auseinander nehmen, alle verstecken sich hinter Konsumgütern, Wert- und Schönheitsvorstellungen.

Damit stellt sich auch die zentrale Frage des Stücks: Was ist der authentische Mensch, und was macht ihn aus, wenn aller Schein von ihm abfällt und der ganze unnötige Müll, der unseren Alltag definiert, weggeworfen wird.

Die Intimität, die durch die Enge des Raums und die abschließende Nacktheit der Schauspieler entsteht, ist beinahe bedrückend, denn kaum haben die beiden alles von sich geworfen und sich ganz nackt selbst offenbart, werden sie für Ratten der Müllhalde gehalten und totgeschossen.

Die Entscheidung, die Schauspieler ohne Erhöhung mitten durch das Publikum gehen zu lassen, in einem Raum der, heruntergebrochen in seiner Schmucklosigkeit, außer wenigen unspezifischen Papprequisiten, einem Gewehr und zwei Portemonnaies, nur durch zwei Körper ausgefüllt wird, lässt eine konstruktivistische Gedankenarbeit, die rein durch die körperliche Präsenz und Worte der Spielenden gelenkt werden kann, auf großartige Weise zu.

Dass die beiden jedoch mit dem Gewehr auf die Zuschauer zielten, und sie mit Müll ansprachen („Schau, eine alte Matratze“), ließ einige komische aber auch bedenkliche Momente entstehen. Ob sich hingegen die Frage nach dem Konsumfetischismus heute noch auf die selbe Art stellt und in Konsumgütern ausdrückt, wenn sich alle der Fotomanipulation und Selbstoptimierungsstrategien bewusst sind, ist fraglich. Jetzt, wo der Körper mehr Ware ist als jemals zuvor (siehe zB Tinder), und die Selbstdarstellungspraktiken früh eingeübt und nicht mehr nur als gesellschaftlicher Zwang wahrgenommen werden, sondern auch Teil von alltäglichen Lebenspraktiken sind (siehe Selfies), wäre beispielsweise eine Inszenierung anzudenken, in der die Darsteller das Handy, das oft privatester Gegenstand ist, des jeweils anderen durchforsten.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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