THEATER

Weißes Rauschen im Schauspielhaus

frequenzenSetz Fan muss man eigentlich sein. Der junge Grazer Autor, der in kürzester Zeit zum Publikums-, und Kritikerliebling avancierte, war mit Büchern wie "Indigo", "Frequenzen" oder "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" schon oft auf der Shortlist des deutschen Buchpreises vertreten und fällt durch seine außergewöhnliche Wahrnehmung und Beschreibung von Wirklichkeiten, aber auch durch den massiven Umfang seiner Werke auf (Für "Frequenzen" sind das 720 und im letzten oder oben angeführten Bücher 1000 Seiten).

Der Ost-Berliner Regisseur Alexander Eisenach nahm sich in der Heimatstadt Setzs, Graz, mit Einverständnis des Autors einem seiner "Lieblingsbücher" am Schauspielhaus an, und inszenierte mit sehr viel Handwerk: Live-Kamera und Projektionen von oft auch auf der Hinterbühne parallel gespielten Szenen, Aufbrechen der Rollen und Zeitlichkeit der Figuren, Schauspieler-Textflächen, Musik-, und Spracheinspielungen, Drehbühne und viel mehr. Die Live-Technik, die jeden, der schon einmal am Theater gearbeitet hat zittern lässt, ließ das Schauspielhaus dabei auch kurzzeitig im Stich, weshalb die Aufführung für 15 Minuten unterbrochen werden musste, um die Liveübertragung zu richten.

Danach ging es dicht weiter: Neben der Geschichte der fragmenthaften und gebrochenen Hauptfiguren, der Therapeutin Valerie, deren Patienten, ihrem Geliebten und Krankenpfleger mit Lehrerambitionen Alexander, dessen ungeliebte Freundin und seinem Jugendfreund Walter, dem Sohn eines berühmten Architekten, der sich bei Valerie in Therapie begibt, und von ihr als Schauspieler in Therapiesitzungen eingesetzt wird, die in nicht chronologischer Reihenfolge erzählt und zeitlich und figurentechnisch herumspringt, findet sich auch eine Kinderebene Alexanders, die erzählt, wie sein Vater seine Familie verließ. Diese Figur wird von der dreizehnjährigen Kinderstatistin Johanna Marauschek mit erstaunlich viel Text verkörpert, welche damit fast zur Hauptdarstellerin des Abends wurde. Zwischen den Handlungselementen, welche die Geschichte voranbringen, ergehen sich die Figuren in Natur-, Kultur-, und Geisteswissenschaftlichen als auch in philosophischen Diskursen und existenzialistischen Fragen, wie beispielsweise der Sinnhaftigkeit des Lehrberufs, der Autorenproblematik, der Frage nach dem Sinn des Lebens und das Ablehnen eines solchen, Kulturwissenschaftskritik, Physik-Exkurse, Kant, Marx, Schauspielerkritik und der Selbstreferentialität von Romanen, Autoren und Stücken, dem Tod, dem Alter und über das Leben an sich. Dazu kam in der zweiten Hälfte auch noch ein bisschen Pathos mit einer Operneinlage von Nessun Dorma und Monologen über Graz, der Geschichtlichkeit von Graz, Gärten und David Bowie.

Spätestens als sich der ältere Herr nebenan während der Technikausfallunterbrechung herüberbeugte und ein „Entschuldigen Sie bitte, verstehen Sie was da passiert, können Sie mir das erklären?“ hervorbrachte, und ich in der Intimität des 3. Rangs eine kleine Einführung in das Stück und die Theaterwissenschaft hielt, fiel mir auf wie alinear und fragmenthaft das Stück inszeniert ist, und wie chaotisch, verwirrend und frustrierend das auf Rezipienten wirken muss, die nicht in die Materie eingearbeitet sind. Dieses Chaos war vielleicht gewollt, um die Sprache Setzs als Stimmungsbild und Kosmos auf der Bühne einzufangen, müsste jedoch weiter heruntergebrochen oder klarer gezeichnet werden, um nicht mit so hoher Geschwindigkeit durch einen Querschnitt der 700 Seiten zu hetzen. Was vielleicht formal auf theaterwissenschaftlicher Ebene interessant wirkt und vollkommen verständlich ist, schien das Publikum in seiner Länge und Dichte zu überfordern, woraufhin auch einige in der Pause gingen. Ästhetisch und geistig ist das Stück auf jeden Fall wertvoll, technisch und umfangmäßig etwas zu dicht und holprig. Aber vielleicht macht auch genau das den Charme der Inszenierung aus, das Atmosphärische, die Fragmenthaftigkeit und Zusammenhangslosigkeit, die in gleichem Maße auch den ursprünglichen Roman wiederspiegelt, der auch immer wieder Exkurse in diverse Diskurse andeutet und unternimmt.

In diesem Sinne: Weißes Rauschen besitzt eine frequenzunabhängige Rauschdichte, deren Rauschenergie konstant über alle Frequenzen verteilt ist. Und vielleicht ist auch eine solche Inszenierung unter dem Gesichtspunkt des weißen Rauschens, der Gleichzeitigkeit der Dinge und Geschehnisse, der Überforderung, dem Aufbrechen von linearen Zeitverständnissen und dem resultierenden Chaos, das die Zuschauer verwirrt, und nicht unter dem mehrerer Frequenzen zu betrachten. Wer sich also ein bisschen herausfordern und konzentrieren will, um dem Theaterabend zu folgen, und ein grandioses, atomsphärisches Bühnenbild sehen möchte, hat am 6.4., 8.4., 16.4., 20.4. und 17.5. noch Gelegenheit dazu.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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