THEATER

Schachdramatik

schachdramatikBuchumsetzungen sind schwierig am Theater, da die DramaturgInnen vor der Aufgabe stehen, Ausschnitte auszuwählen und direkte Figuren und Erzählungen aus dem Text zu schaffen. Wählen sie dabei zu wenige Geschichten, fehlt der Zusammenhang – sind es zu viele, zieht sich das Stück in die Länge. Die Schachnovelle beginnt im Pygmalion Theater vielversprechend. Die Ich-Erzählung Stefans Zweigs wurde in drei Hauptrollen und vier Nebenrollen aufgeteilt. Der in Gestapo Gefangenschaft gehaltene Dr. B., der sich auf Grund sozialer und medialer Deprivation hingibt, die Schachzüge in einem gestohlenen Buch manisch nachzuvollziehen, sowie der Schachweltmeister Mirko Czentovic und schlussendlich der Ich-Erzähler (der im Stück nur fragmenthaft enthalten ist, da die Erzählung oft vom Kellner übernommen wird) treffen auf der Überfahrt von New York nach Buenos Aires auf einem Schiff zusammen.

Langsam entwickelt sich durch das Schachspiel eine Dynamik. Vergangenheiten, Verleugnetes, Stolz, Manien und „Schachvergiftungen“ entstehen, nachdem Dr. B, den Schachweltmeister beiläufig in einer Partie besiegt.

Dramatisierung, Ausstattung und Regie übernahm dabei der Intendant Tino Geirun. Dieser bekannte, in Rumänien geborene Regisseur und ehemaliger Leiter des Stadttheaters Bacau musste 1985 selbst wegen politischer Zensur und Arbeitsverbot nach Österreich fliehen, wo er die Schauspielschule Pygmalion gründete. So kreisen die Schwerpunkte der Aufführungen thematisch oft um Aspekte der Verfolgung, Zensur und Emigration und auch Stücke von Kafka oder Dostojewski finden bevorzugt ihren Weg auf den Spielplan.

Viele der Aspekte des realistischen Theaterstils lassen sich auch auf die Inszenierungsweise Geiruns anwenden – und vielleicht auch aus der kurzen Biographie zu verstehen: Lange episierende Monologe, die erklärend, historisch detailgetreu und exakt umgesetzt von den Mitspielern angehört werden, die Sorgfalt im Umgang mit dem Textmaterial – und auch die Texttreue – die insgesamt als Distanzierung von den Zuschauern wahrgenommen werden könnte. Diese hielten sich nämlich trotz wiederholter Aufforderung, die Bühne zu betreten und zu helfen oder etwas zu sagen, an ihren Sitzen fest. Zur Distanzierung kamen zusätzlich noch einige Verfremdungseffekte: Nervosität, Rauchen und eine immerwährende Schachpartie, zu der sich gegen Ende und ihrer Zerstörung ein heroisch-emotionales fade-to-black mit Amsterdam von Klaus Hoffmann mischte, das wohl etwas wie Sehnsucht hervorrufen sollte.

Kaplan stach in der Inszenierung durch die Beweglichkeit seines Körpers heraus, Gruber durch sein pointiertes Lächeln. Die Frauenrollen schienen eher Störfaktor oder Verfremdungseffekt zu sein, sie wirkten substanzlos, naiv, Projektionsfläche und austauschbar. Das Stück hätte in dieser Hinsicht wohl auch etwas pointierter und mit durchaus weniger Rollen umgesetzt werden können. Insgesamt war es jedoch schlicht, gut durchdacht, realistisch, schien sich aber manchmal durch die Distanz in die Länge zu ziehen. Es war wie eine Partie Schach, in der die Spieler monologisch überlegt ihre Züge ausführen.

Das Pygmalion Theater setzt sich mit einigen Premieren im kommenden Mai, in Zusammenarbeit mit dem polnischen Institut Wien, für die Förderung junger polnischer Autoren ein und bietet mit häufigen Gastspielen jungen Theaterschaffenden einen Spielraum. Es ist also auf jeden Fall einen Besuch wert, schon allein um vielleicht etwas neues zu entdecken, den eigenen Horizont zu erweitern oder ein neues Lieblingsstück zu finden.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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