THEATER

Niemandes Verzweiflung

niemand01Ödön von Horvaths Werk zeichnet sich durch Gott als wiederkehrendes Motiv aus. Auch die Betrachtung des Menschen und seine Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Emotionen und Trieben ist regelmäßig in seinen Stücken zu finden. Je nach Betrachtungsweise ist Niemand als Frühwerk noch die ausgeprägteste Version davon oder noch die ungeschliffene Rohfassung dieser Motive.

Die nüchterne, dunkle Bühne spiegelt von Anfang an den Zeitgeist der 1920er wieder. Nacheinander stellt sich das Ensemble am Bühnenrand auf, mit dem Beginn des Epilogs wird das Licht aufgedreht. Der Geiger Klein spricht die ersten Regieanweisungen, das erste Gefühl ist distanziert, der Stil erinnert an Brechts episches Theater.


Doch statt Befremdung entsteht eine Bindung. Die Schauspieler sind einerseits exzessiv in ihren Rollen drinnen, die Verzweiflung der einzelnen Charaktere ist zu spüren. Horvath zeichnete mit dem Stück eine Charakterstudie der Einsam- und Hoffnungslosigkeit, die Depression der Weltwirtschaftskrise wirkt sich auf jede Lebensplanung aus. Einen weiteren Beitrag dazu bildet das Bühnenbild. Die gesamte Handlung spielt in einem Stiegenhaus, die Bühne der Josefstadt bietet einen ebenso kargen Hintergrund, wie man sich ein Stiegenhaus damals nun einmal vorstellt. Bevölkert wird es von den Anwohnern des Hauses, einer bunten Mischung. Huren, Zuhälter, ein vereinsamter, verkrüppelter Pfandleiher, alte Hausfrauen, Kellnerinnen und all ihre eigenen Probleme.

niemand02Kernpunkt ist dabei immer wieder die Verzweiflung und Verbitterung, besonders Florian Teichtmeister zeigt diese als Pfandleiher Lehmann bis zum Exzess. Verkrüppelt und deshalb in sein Stockwerk gesperrt versucht er, über wirtschaftlichen Einfluss sich seine Mieter Untertan zu machen. Geprägt von der Isolation zeigt er eine Grausamkeit, die nur durch Selbsthass und Sehnsucht nach Liebe entsteht; Horvath zeigt mit dieser Charakterstudie ein klassisches Abwehrverhalten von Menschen. Durch den Versuch der Liebe zeigt sich selbst bei ihm der Versuch gutherzig zu sein, ein hilfloser, fast schon kindlicher Versuch. Gleichzeitig nimmt die Geschichte dadurch aber ihren vorherbestimmten Lauf. Horvath - und auch Föttinger mit der Inszenierung - schaffen es, absehbare Rollenentwicklungen und Wiederholungen in der Geschichtenentwicklung überraschend darzustellen.

So wie etwa die Entwicklung der unschuldigen Ursula. Gerti Drassl spielt Ursula als verzweifeltes Mädchen, dass sich vor Hunger in die Prostitution wagen will - daher der Besuch in dem ominösen Stiegenhaus. Doch justament in diesem Moment zeigt sich erstmals die weiche Seite Lehmanns, Ursula wird schlussendlich seine Frau. Doch schon kurz danach ist es mit ihrer Herzensgüte und Dankbarkeit vorbei.

Trotz dieses klassischen Plots ist "Niemand" nicht die typische Geschichte von Vertrauensbruch, Eheproblemen und Moral. Zu viele Nebenstränge der anderen Hausbewohner sorgen für Aufregung, verbinden die einzelnen Hintergründe der handelnden Personen. Dominic Oley provoziert als Geiger Klein immer wieder das Gute in Lehmann, Ursula, aber auch in Lehmanns verschollenem Bruder Kaspar (Raphael von Baargen) oder der Hausbesorgerin Maier. Im Gegenzug dazu sorgt die Prostituierte Gilda (Martina Stilp) mit ihren Zuhälter Wladimir (Roman Schmelzer) überall für Verstimmung, Eifersucht, Neid und Gier.

niemand03Die Ausformulierung dieser Ereignisse bleibt aber dem Zuseher selbst überlassen, anstatt Mord oder Unfälle nachzustellen, tragen die einzelnen Rollen auf der Bühne wieder die Regieanweisungen zu den Szenen vor. Ein einfacher Trick, der aber noch einmal bewusst macht, dass es bei "Niemand" um die Folgen von Trieben geht, der Mensch nur davon getrieben ist und sich selbst gegenüber wehrlos. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein verlorener Verlobungsring Jahrzehnte später einen Mord provoziert und ein zerbrochener Krug gleich zu Prostitution führt.

Vielleicht erkennt man daran, dass es sich um ein Frühwerk von Horvath handelt. Eventuell ist es aber auch nur die Überspitzung in der Darstellung. Greifbar wird es dadurch allemal. Niemand wirkt wie ein Experiment, klassisches und episches Theater ineinander greifen zu lassen. Das dabei auch die Handlung immer wieder grenzwertig ist, ist nicht auszuschließen. Andererseits wäre es sonst wohl langweilig. Und einen derartig folgenreich zerbrochenen Krug gab es wohl seit dem gleichnamigen Stück von Heinrich von Kleist nicht mehr im Theater.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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