THEATER

Eine Bühne voller Narren

narrenschiff001Anna Badora startet ihre zweite Saison als Direktorin des Volkstheaters mit "Das Narrenschiff". Etwas ruhiger und sachlicher als in ihrem ersten Jahr, gleichzeitig ist die politische Kritik aber noch offener geworden.

Abfahrts- und Ankunftshafen sind bekannt, dennoch fährt das Narrenschiff auf einer Reise ins Unbekannte, fast wie ohne Zeit- und Zielvorgaben. Das liegt an der Entstehung eines labilen Sozialsystems. Das Zusammentreffen der Passagiere ereignet sich in einem eingeschränkten Bereich, das Schiff bietet einen abgeriegelten Bereich zur Bildung von Beziehungen und sozialen Regeln. Badoras großes Motto der Sozialkritik anhand der geschichtlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist darin wieder einmal erkennbar.

Im Vergleich zu beispielsweise "Fasching" ist "Das Narrenschiff" schlichter. Die Bühne gibt den Schauspielern wegen ihrer Schlichtheit viel Raum, Schminktische auf der Seite stellen die einzelnen Kabinen dar. Die Rollen sind im Vergleich auch weniger von Motiven geprägt, sondern erlauben mehr Fokus auf den Charakter. So zeigen die Schauspieler ein großes Spektrum der dargestellten Persönlichkeiten, wie zu erwarten brilliert Stefanie Reinsperger wieder.

"Das Narrenschiff" kombiniert auf einer Reise von Veracruz (Mexiko) nach Bremerhaven Deutsche, Schweizer, Amerikaner und Spanier - oft nicht zur Freude der Beteiligten. Ursprünglich basiert die Geschichte auf einem Roman von Katherine Anne Porter, die besagte Reise 1931 - zum Handlungszeitpunkt - selbst machte. Die Zeit spielt auch in der heutigen Inszenierung eine Rolle, Rassendenken und Antisemitismus prägen die Gesellschaft an Bord.

narrenschiff002Veranschaulichend dafür ist von Anfang an Siegfried Rieber (Rainer Galke), der als Klischeedeutscher schnell Anhänger für seine antisemitischen Ideen findet. Die Rolle des - entgegen des ersten Eindrucks - folgewilligen Bimbos spielt Seyneb Saleh auf fast schon verachtenswürdig glaubhafte Weise. Generell hat dies aber - abgesehen von der guten Umsetzung der Rolle - wenig mit ihr zu tun, sondern mit den handelnden Charakteren selbst. Alle Rollen sind ausnahmslos glaubwürdig, egal ob Nazi, exaltierte Amerikanerin oder degradierte Juden. Sei es Abscheu ob der Rassenthesen, Ungläubigkeit wegen der psychotischen Ausbrüche (Reinsperger spielt eine Gräfin mit Drogenproblem auf dem Weg ins Exil) oder Mitleid. Lukas Holzhausen zeigt wie der - damals klarerweise ausgestoßene - Jude Julius Löwenthal vor lauter Einsamkeit, Verbitterung und Verzweiflung seinen Hass gegen die Gesellschaft an dem wegen seiner jüdischen Frau degradierten Wilhelm Freytag (Gábor Biedermann) auslässt und dabei selbst nicht einmal merkt, wie herzzerreißen dieser Ausbruch zum Zusehen ist.

Im Gegensatz zu den Passagieren übernimmt der Schiffsarzt Dr. Schumann (Michael Abendroth) eine eher objektive, außenstehende Rolle, greift eher lenkend in das Geschehen ein. Er führt das Schiff statt des Kapitäns, oft erzählt er Hintergründe, um auch den Passagieren ein vollständigeres Bild zu liefern. Diese teilen zwar auch dem Publikum immer wieder Details mit, die Anekdoten sind aber eher nur schwache Erklärungen für vorangegangene Eskapaden.

Leider schafft die Handlung den Übergang zwischen extrem offensiven Gefühlen und nachdenklicher Selbstreflexion der Charaktere nicht immer, teilweise entstehen so Spannungsleerläufe. Mit knapp über drei Stunden ist "Das Narrenschiff" schließlich keine leichte Unterhaltung für Zwischendurch. Großteils genügt die Geschichte, in der Spielweise dieser Kontraste schleicht sich schließlich aber doch Routine ein. So ist bereits lange vor der Pause absehbar, mit welcher Moral das Stück enden wird, auch wenn die Ausprägung der Demonstration ebenso in der zweiten Hälfte noch variiert.

Insgesamt ist "Das Narrenschiff" nur für Ausgeschlafene, die lange Dauer wird dafür aber mit schauspielerischen Höhepunkten (auch von den nicht Genannten), zeitgemäßer Sozialparodie und wirklich guten Beispielen für Situationskomik belohnt. Und mit einem haben sie Recht im Volkstheater: Aufklärung über Nationalsozialismus kann im Moment sicher nicht schaden.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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