THEATER

Auf Abwegen in einer tausendseitigen Textlandschaft

diestunde03Im Werk X kam es heuer zur Uraufführung der Bühnenfassung des Romans von Clemens J. Setz. Die Vorankündigung klang schon einmal verlockend und vielversprechend.

Es wird keine lineare Geschichte erzählt, sondern auf einzelne Ausschnitte und Fragmente des Romans Bezug genommen, welche jedoch alle im Zusammenhang mit der Protagonistin Natalie stehen. Die junge Frau ist Pflegerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen und wird die Betreuerin von Alexander Dorm, der um die 30 Jahre alt und an einen Rollstuhl gebunden ist. Wöchentlich bekommt er Besuch von einem anderen Mann, welcher ein spannendes Verhältnis zu ihm unterhält, wie Natalie erfährt. Denn er ist Witwer und dies nur aus dem Grund, weil seine Frau den psychischen Druck nicht aushielt, welchen Alexander Dorm auf sie ausübte, da er von ihrem Mann wie besessen und unsterblich verliebt war.

Frauen hingegen hasst Herr Dorm auf ganz besondere Weise. Für ihn sind sie am Ende nichts weiter als Gitarren. Von der Form bis hin zur Gewichtsverteilung, Frauen sind hohle, unerträgliche Dinge für ihn. Natalie bekommt diesen Umstand im Verlauf der Geschichte auch immer intensiver zu spüren, er kontaktiert sie vermehrt über SMS und taucht vor ihrem Haus auf. Eine bedrückende Situation für die Protagonistin.

diestunde01Auch der Einstieg in das Theaterstück „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ ist auf eine spezielle Art bedrückend. Mit Strobolicht wird nicht gegeizt und der Zuschauer ist dem Getanze der Schauspieler ausgesetzt. Immer wieder kommt es zu „Freeze“-Szenen, in denen einer aus dem fünfköpfigen Ensemble, bestehend aus Jeanne Devos, Marta Kizyma, Miriam Fussenegger sowie Mirco Reseg und Dominik Warta, kurze Passagen vorträgt oder auch eine skurrile Form der Unterhaltung entsteht. Über allem blitzt und zuckt das grelle Licht und es kratzt bereits nach kurzer Zeit am Sehnerv. Doch die Regisseurin Thirza Bruncken hat in ihrer Inszenierung nicht vorgesehen, dass das Publikum geschont wird. In nicht enden wollenden Einzelszenen unterteilt, begeben wir uns auf einen Streifzug durch das Buch. Es ist eine Begegnung mit dem Surrealistischen, mit Träumen und einem Raum-Zeit-Spiel. Hinzu kommt die Vermischung von Realität und Fiktion. Ein abenteuerliches Unterfangen, da das Buch nicht auf eine einzige Geschichte reduzierbar ist. Thirza Bruncken hat ihren eigenen Rhythmus gefunden mit der Thematik.

diestunde02Es fällt schwer zeitweise den Faden nicht zu verlieren. Wörter kommen und gehen, immer wieder sind es, wohl besonders für den Unbelesenen, nur lose Textgespinnste. Während des Stücks werde ich neugierig auf die Buchvorlage. Was steht wirklich darin und in wie weit wurde von dem Theaterkollektiv etwas hinzu erdichtet? Fragen auf die ich an diesem Abend keine Antworten bekommen werde, denn auf der Bühne geht es in unaufhaltsamer Langsamkeit der einzelnen Szenen und der gesprochenen Worte, welche mal im Kontrast schnell und oftmals dann auch wieder sehr langsam über die Lippen kommen, weiter und immer weiter. Man glaubt den Druck und die Belastung von Natalie selber auf sich lasten zu spüren. Merkbar erleichtert wird im Saal kurz geseufzt, als z.B. das Strobolicht abgeschaltet wird. Es ertönt Beifall. An dessen Stelle tritt dann auch das Bühnenbild, welches sich im gesamten Verlauf nicht mehr ändern wird, in den Vordergrund. Eine Art überdimensionaler Schaukasten, an einigen Stellen (gewollt?) lieblos verleimt und im schmuckloser Schwarz/Weiß Optik, präsentiert er einen schicken Salon mit mehreren, bespielbaren Ebenen.

Die Schauspieler nutzen den gegebenen Raum und es wird ein Fest an Schlagabtausch, aber auch Gerangel und Tanzerei. Leider ist für mich der rote Faden nicht erkenntlich, mir fehlt der Einstieg, das Anschubsen in die Geschichte. Etwas ratlos bleibe ich bei all den vielen Eindrücken am Ende zurück. Sortieren kann ich die Szenen auch schon kurz im Nachhinein nicht mehr, muss ich auch gar nicht, denn so wie es begann so endete es auch. Als eine – aus tausend Möglichkeiten gewählte – Form von Theater.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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