THEATER

Die Geschichten der Angie O.

 brut angieandcompany&Co. sind eine AG, eine "affinity group", denn das Wort Arbeitgruppe gefällt ihnen nicht. Nicola Nord, Krisjan Schellingerhout, Claudia Splitt, Vincent van der Valk&Co erzählen mit viel Stimme, Körpereinsatz und der Form des Agit-Musicals die Geschichte einer fiktiven Aktivistin – mit ironischem Unterton Angie O. genannt – die an den Brennpunkten der Protestbewegungen ihr Zelt aufschlägt. Sie hat eine Vision von einem besseren Zusammenleben – diese Vision verwandelt sich im Zeitalter des Neoliberalismus jedoch in ein kleines Kaffee-Startup, das mit seinen grünen Schürzen und Fair Trade Kaffee ein besseres – organic – Zusammenleben anbietet und bald auch Filialen in der ganzen Welt eröffnet. Denn eigentlich sind die oftmals auf den Schildern angebotenen "Free Hugs" gar nicht "free", wenn man doch einen Körper braucht, der fähig ist, die Arbeit des Umarmens zu leisten.

Krisjan Schellingerhout, der, während er seinen Text normal weiterspricht, immer wieder marionettenartig in sich zusammenfällt, da sein Körper ihn im Stich lässt, zeigt auf irrwitzige artistische Weise diese Präkarität und Selbstverständlichkeit der Körper im Kontrollverlust auf.

So verhandeln die Performenden auf unweigerlich komische, tief ironisch und exemplarisch rhythmische Weise die Rolle von Revolutionen, NGOS, Widerständen und Besetzungen, reflektieren Widersprüche im und die Rolle des Neoliberalismus, dessen integrative Art oft dazu führte, dass die Produktivkraft der Revolutionen ökonomisch gewinnbringende Geschäfte hervorbringt.

Immer wieder werden zwischendurch deshalb auch mantra-artig die an Protestrufe erinnernden Worte "Breathe" und "Resist" wiederholt. Besonders sticht dabei Claudia Splitt durch beeindruckende sprachliche Geschwindigkeit bei einem Rap-Teil hervor, in dem sie durchgehend in doubletime von ökonomischen Entwicklungen, Börsencrashes und Finanzkrisen singt.

andcompany&Co bezeichnen sich als friedlichste Armee der Welt, die mit vollem Körpereinsatz, Trommeln, Gesang, E-Gitarre und viel Rhythmusgefühl ins brut einziehen, um die ZuschauerInnen zu aktivieren. Friedlich ist ihre Armee, denn sie besetzt ja nicht ganze Länder, sondern nur Plätze, und das auch nur kurzfristig. Denn auf die Frage "Was kann man noch tun", haben sie eine eindeutige Antwort: "Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind": Es braucht Körper, die friedlich Plätze besetzen und Gleichgesinnte, mit denen man streiten kann.

Die Performendengruppe hat ein Gespür für musikalische Aktivierung und weiß wie man schöne Bilder und selbstironischen Witz auf einer Bühne erzeugt. Denn auch in ersten Momenten schaffte sie es, dem Publikum ein Schmunzeln oder selbstironisch-ertapptes Nicken zu entlocken und weckte in Vielen die Lust, gemeinsam zu Musizieren.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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