THEATER

Eine Welt ohne Geld - das müsst ihr euch vorstellen

frotzler01Am 11. März hatte das Stück „Frotzler-Fragmente - eine postmonetäre Doppelconférence“ im Schauspielhaus Wien seine Uraufführung. Der Abend vereinte pointierte Gesellschafts- und Wirtschaftsanalysen mit klamaukigen Showeinlagen, schrillen Kostümen und jeder Menge Gags, Gags, Gags. Am Ende schmerzten nicht nur die Bauchmuskeln, sondern man fragte tatsächlich auch kleinlaut: Wozu eigentlich dieses Geld?

„WAS, WENN SICH DER KAPITALISMUS ZU TODE GESIEGT HAT?“
Das von dem Theaterkollektiv FUX inszenierte Stück „Frotzler Fragmente“ reflektiert auf gekonnt humoristische Weise über ein Leben nach dem Kapitalismus. Die Utopie der geldlosen Gesellschaft wird auf der Bühne zur greifbaren Möglichkeit. Schlagwörter wie „Shared Economy“, „bedingungsloses Grundeinkommen“ und andere postkapitalistische Konzepte bekommen dank des herausragenden Spiels der vier DarstellerInnen einen neuen Anstrich verpasst. Kunstgriff der Inszenierung ist hierbei das Format der Doppelconférence - einer politischen Revue, in der jeweils zwei Charaktere zu einem Thema Stellung beziehen.

Krise, Kapital, Konjunktur, Inflation, Kredit, Keynesianismus, Spekulation, Blase, Derivat - das Vokabular des Kapitalismus ist uns fremd geworden. Wir wissen was Geld ist, aber nicht mehr, wie es funktioniert - so das Fazit der Gäste des ersten Sketches der Conférence. Wie wahr. Gut also, dass „Frotzler-Fragmente“ am „Anfang anfangen will“.

frotzler02ZURÜCK IN DIE STEINZEIT
Der Vorhang hebt sich. Vier illustre Gestalten mit Perücken, die an das Kostüm Toni Erdmanns erinnern, betreten die Bühne. In minimalistischen Dialogen werden die Ursprünge des Handels und des Geldes beschrieben, sodass am Ende Muscheln als symbolische Zahlungsart eingeführt werden. „Wie viele Muscheln bekomme ich im derzeitigen Kurs für die Kuh?“ Der Kapitalismus ist geboren. Erwünscht ist, was sich in Geldwert übertragen lässt, so die erste bittere Erkenntnis des Stückes. Aber inwieweit wollen und sollen wir uns von diesem ökonomischen Gesamtsystem dirigieren lassen, das uns fremd geworden ist, uns Zwänge auferlegt, uns in Konkurrenz zueinander stellt?

CHANSONS GEGEN DIE KRISE
„Frotzler-Fragmente“ prangert diese, durch den Kapitalismus generierten Missstände auf leichtfüßige und humoristische Weise an. Im zweiten Teil des Abends wird die Doppelconférence eröffnet. Zum ersten Mal betritt auch der Frotzler die Bühne. Er verkörpert den inneren Monolog des Pessimisten, des Spötters, der gegen die präsentierten Utopien der geldlosen Gesellschaft wettert und dennoch den Moment des ständigen Resignierens des Menschen anprangert. Denn, so der Frotzler: „Irgendwer muss doch irgendwann einmal mit irgendetwas beginnen, sich trauen, etwas tun.“ Sein Aufruf wird erhört. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen und vor allem: Gags, Gags, Gags. Und so wird mit Chansons gegen die Krise und das Geld angesungen. „Money, quit living on dreams“, oder „Ich kauf nix mehr - ich geb die Kohle zurück“. Der Ohrwurm ist vorprogrammiert.

Dem Theaterkollektiv FUX, Nele Stuhler und Falk Rößler, gelingt der Grenzgang zwischen Ernst und Klamauk. Hervorzuheben ist vor allem auch die Leistung der vier SchauspielerInnen, deren gelungen humoristische Performance durch den Abend trägt. Einziger Kritikpunkt ist, dass „Frotzler-Fragmente“ so gut wie keine ernst zu nehmende Frauenrolle enthält - doch das kann angesichts der Wirtschaftsgeschichte und Phänomenen wie beispielsweise der Einkommensschere als kritischer Kommentar an realgesellschaftlichen Umständen gewertet werden.

Am Ende bricht das Fragment einfach ab. Der Kaufmannsladen, der kurzerhand zur europäischen Zentralbank umfunktioniert wurde, schließt seine Pforten.

Was bleibt, ist ein Britney Spears Ohrwurm („Oops, I paid it again“) und die Erkenntnis, dass Wirtschaft vielleicht doch gar nicht so unsexy ist.

Tosender Applaus bestätigt diese Annahme.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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