THEATER

Das Beisl ist mein Tempel

jaeh04Das Rabenhoftheater lud am 19.4.2017 zur ausverkauften Premiere von "JA, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" in der Regie von Christina Tscharyiski. Als Basis dienen in erster Linie Textpassagen aus Stefanie Sargnagels Beitrag zum Bachmannpreis "Penne vom Kika" (2016), sowie Ausschnitte aus ihren Einträge auf Social Media Plattformen. Musikalisch untermalt wird der Abend von Voodoo Jürgens und seiner Band der Ansa Panier. Auf Facebook hat Sargnagel die Inszenierung kürzlich als "Musical ihrer Psyche" beschrieben, in welche das Theaterpublikum in den folgenden 70-80 Minuten eintauchen kann.

jaeh02"Entschuldigung, darf ich mal...? Ich müsste da mal durch...?" Hat man sich erst mal durch ein Meer aus Füßen und Beinen bis zu seinem Platz durchgerungen, steigen mit dem zunehmenden Stimmengewirr auch die Erwartungen und die Vorfreude auf das bevorstehende Debüt. Das Licht geht aus. Es wird dunkel und als sich der schwere, rote Vorhang zur Seite schiebt, verebbt das Murmeln aus dem Zuseherraum langsam. Dann erklingen die ersten Töne der Ansa Panier, zu erkennen sind sie noch nicht, sie verschwimmen im Nebel. Doch die Genialität der Bühne (Sarah Sassen) erahnt man bereits. Ein gigantischer Holzschrank ist dort aufgebaut. Er sieht ein bisschen aus wie ein Setzkasten mit kleinern und größeren Fenster und Türen, die sich im Laufe des Abends nacheinander öffnen und die Bühne passend zur jeweiligen Szene erweitern – sogar eine Bar lässt sich später daraus zaubern. Eine Tür springt auf und Voodoo Jürgens in Hut und Ledermantel tritt auf die Bühne, sein halbaufgeknöpftes Hemd zeigt nackte Brust und Silberketterl.

"Do sitzns zamm, die Halodris. Do wird erna net fad."

jaeh00Fad wird einem ganz bestimmt nicht im Rabenhof. Sargnagels Texte spiegeln eine Generation in ihrem Zwiespalt. Zaudernd dümpelt man irgendwo zwischen Erwachsen sein und Erwachsen geworden sein herum, und weiß nicht so recht, wohin im Leben. Das hat sich wohl schon jede und jeder ein-, zwei- oder mehrmals gefragt. Was will das Leben eigentlich? Ich vom Leben? Das Leben von mir? Gefangen in dieser Spirale wird man abwechselnd von Schönheit und Traurigkeit nach unten gezogen, wo Voodoo Jürgens schon wartet: "Dassd di du net genierst, des wundert mit scho."

Sargnagel ist Wien in Textform. Ihre Sprache ist voller Treffsicherheit und Sarkasmus, dabei weiß man nicht immer, wann man sie ernst nehmen soll und wann lieber nicht. Ihre Texte können vor allem, weil sie so persönlich sind, berühren. Wie nah Lachen und Weinen beieinander liegen ist erneut bewiesen. Denn es bleibt einem hin und wieder das Lachen im Hals stecken, wenn die drei Schauspielerinnen in Jogginghosen (Miriam Fussenegger, Saskia Klar, Lena Kalisch), die Sargnagels Kunstfigur großartig verkörpern, in einem Moment derbe Witze reißen und im nächsten tieftraurig im Bett versinken. Lebensfreude und Gelächter überwiegen jedoch deutlich an diesem Abend. Denn Sargnagel und Voodoo Jürgens sind mit ihrem sympathischen Wiener Gesuder vor allem unheimlich witzig.

In dem bunten Durcheinander stellt sich immer wieder die Frage: Was ist eigentlich normal? Voodoo Jürgens würde darauf wohl sagen: "Des is mia wuascht." Humorvoll und unverblümt nimmt sich die Inszenierung kein Blatt vor den Mund – auf gut Deutsch: Die scheißen sich relativ wenig. Und vielleicht geht es genau darum. Vielleicht sollten wir uns alle ein bissl weniger scheißen – Ja, eh...

Es bleibt das Funkeln in den Augen auf der Bühne und im Zuschauerraum. Ein wunderbarer Abend, der noch an folgenden Terminen genossen werden kann: 25. & 26. April, 12., 22. & 23. Mai.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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