THEATER

Wo Worte versagen, müssen Taten folgen Oder: Der gute Prinz

mspocahontasAll aboard! Willkommen auf der "MS Pocahontas", dem Luxus-Kreuzfahrtschiff, das über die Köpfe des Publikums in den Sträuselsälen des Theaters in der Josefstadt hinwegschwebt und es atemlos zurücklässt.

Fast märchenhaft wirkt der Auftritt dreier Frauen, die über eine rote Wellblechfassade mit der Aufschrift "Pandora" auf die Bühne klettern, um dort die Geschichte eines Aufbruchs (oder Einbruchs?) zu erzählen. Wenn man eine Geschichte hat natürlich. Zur Not wird einem eine angedichtet. In diesem Fall eine friedliche – oder noch besser: Eine Geschichte, in der minderwertige Kulturkreise die Sitten und Gebräuche des Westens annehmen.

Und wenn etwas nicht passt, wird es eben passend gemacht. Und dieses Etwas ist in diesem Fall Pocahontas. Die Häuptlingstocher wird gleichfalls wie die der griechischen Mythologie entsprungene Frau "Pandora" von den britischen Kolonialherren zurechtgeformt. Die drei Frauen lassen die Zuschauer wissen: Wenn Landesgrenzen überwunden werden können, dann können das auch körperliche, vor allem weibliche. Und weil niemand eine Geschichte der Unterwerfung oder – noch schlimmer – der Gewalt hören möchte (sollte), wurde jene mithilfe von unzähligen Schichten bunter Farbe im Laufe der Zeit zu einer Romanze umgefärbt.

Eine der Frauen beginnt nun plötzlich misstrauisch zu werden: Sie möchte von Schönfärberei nichts mehr wissen, sie hat schon tausend neue Welten gesehen. Und außerdem: Es hat sich schon wieder einer angezündet! Die anderen werden nervös, laut, wirr. Wie schön wäre doch ein zahmer Westen. Vielleicht ist dies zu erreichen, wenn man noch mehr Farbe über die Weltgeschichte schüttet?

Der nächste Akt, im Zentrum zwei Mitglieder der britischen Truppen, ein Mann liegt, scheinbar betrunken, am Boden. Der andere trainiert ohne Unterlass, fast manisch. Manisch wirken auch seine Aussagen über Pocahontas, diesen ursprünglichen Mensch-Menschen, diese Frau, dieses Kind. – Nein, ruft einer der Männer, nur nicht Kind sagen, sie ist eindeutig eine Frau, wenn auch eine Wilde. Was natürlich kein Schimpfwort ist, sondern ein Wort und ein Wort kann doch keinen Schaden anrichten. Die Widersprüche beginnen sich zu überschlagen.

Es überschlagen sich dann auch die Stimmen, die Akteure sprechen gleichzeitig, beteuern und beichten lauthals, dann wieder flüsternd. Innerhalb der Kolonialtruppen ist es eigentlich eine Heldentat, wenn man dem – man gibt es schlussendlich zu – Kind den Kiefer bricht. Die Fahrt in den Hafen der Ehe hat schließlich seinen Preis und Pocahontas müsste nur froh sein. Solch Egoismus aber auch! Weil der Druck aber groß ist und das Unmenschlichsein an einem zehrt, entlädt sich der Kampf der Widersprüche in purer körperlicher Aggression (wunderbare Szene und Musik).

Der Bezug in die Gegenwart wirkt von der Thematik her zwar nicht weit hergeholt und doch scheint er etwas holprig in der Umsetzung. Wörter sind nur Wörter und heut ist es eben der "Tschusch" oder der "Asylant", der von oben herab beurteilt wird. Ein Diskurs über Flüchtlingskinder wird gegen Ende hin aufgegriffen: Sie sind immer schützenswert, da sind sich alle einig, aber die, die über die Grenze kommen, sehen ja gar nicht mehr aus wie Kinder. Man ist kein Rassist, aber diese Opfer – pardon, Überlebende – sind doch nicht zum Aushalten. Wer ist nun der Leidende?

"MS Pocahontas" versucht einen Bogen von der Kolonialisierung Amerikas sowie dem Mythos der Pocahontas-Legende zu der prekären Situation von Flüchtlingen zu schlagen, die dieser Tage in Europa herrscht. Dies gelingt größtenteils. Mit spitzer Ironie schafft es Christina Tscharyiskis Inszenierung, das Publikum nicht allzu komfortabel im befreiten Lachen über tragikkomische Szenen verharren zu lassen. So werden einem die Auswüchse von Rassismus und Misogynie umso eindringlicher gewahr gemacht.

Äußerst gelungen ist zudem die Musikauswahl, die sich vom instrumentalen "This is the End" (The Doors) bis zum idyllischen Soundtrack zum Disney-Film Pocahontas spannt. Der Kreis schließt sich am Ende, es wird wieder ein Anfang erzählt. Oder ist es doch ein Abbruch?

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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