THEATER

Windstärke: Windstill

drachengasse03Das Theater Drachengasse lockt zur Premiere des Nachwuchswettbewerbs am Montagabend, den 29.5.2017 in seine Bar. Das Motto "Und immer ist Sturm",  sowie zwei Zitate aus ShakespearesThe Tempest bewegten viele junge Künstler und Künstlerinnen dazu, ihre Projekte einzureichen. In der finalen Runde müssen sich schlussendlich vier Produktionen vor einer namhaften Jury (Ali Abdullah, Corinne Eckenstein, Bettina Hagen) beweisen und haben die Möglichkeit ein Preisgeld zur Förderung der vertiefenden Ausarbeitung ihres Projekts für die kommende Spielzeit zu erhalten.

Ein Meer lachender Gesichter und ein paar Blumen strömen auf den Eingang unter dem Schild Bar&Co zu. Das Fehlen jeglicher Luftbewegung im Saal lässt sehnsüchtig an den Sturm im Titel der Veranstaltung denken. Man könnte sie schneiden, so heiß und schwer hängt die Luft in dem Raum. Der gut gefüllte Saal wartet voller Spannung auf die vier je 20-minütige Kurzstücke. Schon bewegt sich leicht tänzelnd der rote Vorhang. Vielleicht zieht gerade ein Windhauch durch die vorderen Reihen...?

drachengasse01In Das was ist, ist sind drei Performerinnen (Barbara Juch, Charlotte Bohn, Franziska Kabisch) auf der Suche nach dem "Mythos" der weiblichen Sexualität und seiner Aufdeckung. Der Vorhang öffnet sich nur, um dahinter den Blick auf weitere freizugeben und verliert sich in einer Schleife aus Wiederholungen, Längen und Reflektionen über sexuelle Heterogenität.

Nach kurzer Dunkelheit betreten drei SchauspielerInnen (Clara Diemling, Benjamin Kornfeld, Florian Werkgartne) in knallblauen Badeanzügen und Strohhüten den Raum. Wind / Stille beschäftigt sich mit dem Krisenbewusstsein unserer Gesellschaft. Nur Unwichtiges wie der schöne Urlaub am Meer wird zur Gänze ausgesprochen, während das Wichtige ständig unterbrochen wird oder nur als Wortfetzen ins Publikum gelangt. Ein Spiegel, in dem uns unsere Gesellschaft und ihre Stagnation entgegenblicken. Der Konflikt bleibt aus. Flaute.

drachengasse04Mittlerweile haben einige im Publikum ihre Programmhefte zweckentfremdet und benutzen sie als Fächer. Ich versuche mich auch darin. Der erhoffte Effekt bleibt aus, stattdessen entwickeln sich lauwarme Wellen und lautes Rascheln, das die Stille durchbricht.

Oh, wie schön ist Panama schafft einen utopischen Staat fern von jeglichen Krisen und merkt, dass nicht mehr viel übrig bleibt. Großartig umgesetzt fehlt zwei eingerosteten Robotern die Luft zum Atmen. Erst wenn sie das Fremde von dort draußen durch ihre Tür lassen, wenn sie fühlen, werden sie wieder lebendig. Julia Carina Wachsmann, Burak Uzuncimen und Deniz Baser verzaubern, sodass man Lust auf mehr bekommt.

drachengasse02Im Ring des Gold Schlamm Entertainments stehen sich Caliban (Dolores Winkler) und Prospero (Lisa Furtner) gegenüber. Sie befinden sich im Kampf um die Hegemonie der Welt. Das Wunschbild Matriarchat tritt gegen die bestehende männliche Herrschaft an. Und dann regnet es Glitzer.

Ende. Tosender Applaus.

 

Wie schön die Menschheit ist! O schöne, neue Welt,
Die solche Wesen trägt!

Draußen in frische Luft gehüllt, hallt Shakespears Zitat noch durch die Drachengasse. Wahrnehmung und Wirklichkeit empfunden als subjektive Konstrukte, schaffen eine Auseinandersetzung mit dem daraus resultierenden Weltbild. Glitzert das Meer ruhig in der Sonne oder tobt ein Unwetter? Die U-Bahn fährt Richtung Realität, in jene Wirklichkeit, die sich auch anfassen lässt.

"Und immer ist Sturm" kürt am 17. Juni die Gewinner. Bei einem Besuch der Vorstellung zwischen 30.5. – 17.6. sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, für seinen Favoriten in der Kategorie Publikumspreis abzustimmen. Bis dahin bleibt es spannend.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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