THEATER

What you see is what you get. Isn't it?

shakespeare02Das Motiv der Frau, die sich als Mann verkleidet, um in der patriarchalen Welt voranzukommen oder nur zu bestehen, ist in Hollywood wie auch im klassischen Literaturkanon ein weit verbreitetes und besonders spannendes. Dass es in dem Stück "Shakespeare in Love" in den Kammerspielen der Josefstadt eher auf die leichte Schulter genommen wird, war nicht allzu überraschend. Positiv überrascht haben mich jedoch die freien und selbstverständlichen Geschlechterbeziehungen, die im krassen Kontrast zu Elisabethinischen Moralvorstellungen stehen.

Theatererfahrung beginnt bei mir normalerweise schon am Weg dorthin. Eine gewisse Erregtheit begleitet mich beim Verlassen meiner Wohnung bis ich mich schließlich gespannt auf dem rot gepolsterten Sitzplatz niederlasse. Bei diesem Stück wurde mir erst beim Hinsetzen in der Reihe 8, Platz 5 schmerzlich bewusst, dass ich genau hier vor Jahren eine schreckliche Komödie durchlebt hatte. Meine Vorfreude war schlagartig weg und bis zu dem Moment, als der Vorhang aufgezogen wurde, im parfümiert warmen und plötzlich etwas klaustrophobisch wirkenden Theatersaal verpufft. Glücklicherweise wandelte sich dieser Zustand bald in befreites Lachen!

Doch bevor ich mich u.a. der Begeisterung über den prächtigen Yorkeshire Terrier auf der Bühne hingeben konnte, musste ich mich doch über das Bühnenbild wundern. Es erinnerte mich ein wenig an die Dorfdisko meiner Jugendjahre, die in den späten 80ern eröffnet wurde, wegen der Eisenstangen gefängnishaft anmutete und mit Spots in dunklen glatten Oberflächen versehen war. Stutzig wurde ich auch, als ich die mit Samt und billigst wirkendem Stoff gefertigten Kostüme genauer betrachtete, die sich sowohl der elisabethinischen als auch moderneren Epoche zuordnen lassen könnten.

In meinem Kopf formte sich langsam ein Gesamtkonzept, das hinter den visuell wahrnehmbaren Attributen stehen könnte: Billigstoffe, die in den 80er und 90er gern getragen wurden, kombiniert mit toupiertem Haar und grellem Make-up mancher weiblicher Darstellerinnen standen der männlichen Theaterbesetzung gegenüber, die teilweise einem edlen Grunge-Style frönten und sich dementsprechend zügel- und manierlos gebärdeten und mindestens genauso trashig wirkten. Durch den (möglicherweise gewollten?) Mangel an Qualität der Kostüme und des Bühnenbildes schimmerte der pure Fake durch. Und "Shakespeare in Love" ist doch eine Paradeschau des gelungenen Fakes, wenn der verliebte Will Shakespeare seine Viola ob eines schmalen aufgeklebten Bärtchens nicht erkennt, Männer Frauenrollen spielen müssen und das Motto "Fake it till you make it" Programm ist.

shakespeare01Das Stück ist kurzweilig, da auf der Bühne ständig Bewegung ist. Anstatt komplizierter Szenenwechsel entscheidet sich Regisseur Declan Donnellan dafür, Schauspieler einzufrieren, bis sie eingesetzt werden. Das Auge hat also genug zu sehen, das Ohr viel zu hören: Szenen körperlicher Leidenschaft finden zwischen allen Geschlechtern statt (ein Blick durch die Tribüne zeigt viele hochgezogene Augenbrauen) und hatten nicht den Beigeschmack von Tabubruch, sondern fügten sich organisch in die Handlung ein; Männer, die in Frauenrollen nicht übertrieben karikiert schauspielten, hatten einen erfrischenden Effekt.

Alleinig Viola, die sich in der Rolle des Romeos widerfand, betonte Männlichkeit immer wieder durch Gesten wie den Griff in den Schritt oder präpotentes Von-oben-Herabschauen. Instinktiv hat mich dieses Maß an chauvinistischem Gehabe abgestoßen, zu saloppes Schauspiel, einfach nicht gut umgesetzt. Aber betrachtet man den historischen Hintergrund und Violas Geschichte, so ergibt dies Sinn. Ein mutiges und unsicheres Mädchen spielt die Rolle jenes Geschlechts, das sie unterdrückt und sie schließlich wegen einer lukrativen Hochzeit verkaufen wird. Wie sonst soll man den Beherrscher spielen, wenn nicht offensichtlich selbstgefällig und rücksichtslos?

Momente der Ausschweifung sind kurz, schnelllebig und körperlich intensiv. Man findet sie im Theater und in der Liebe, sie sind geschlechterübergreifend. Der Fake wird durch die Umstände bedingt und fühlt sich für die Beteiligten nach einer besseren Realität an, da kann auch die gewollte humoristische Rede von Königin Elisabeth am Schluss nicht dran rütteln. Die einzigen Worte, die mir davon in Erinnerung geblieben sind: Wie endet das? Mit Tränen!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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