THEATER

Trotz Glauben: ICH HAB DIE LIEBE GESEH’N

ichglaubeIn der Eingangsszene, wenn man das Stück überhaupt szenisch bezeichnen kann, wird dem Zuseher eine emotionale Rede auf Türkisch entgegengeschleudert – Alev Irmak schreit fast ins Publikum, schlägt sich auf die Brust, der Körper der jungen Frau wird in Verbindung mit ihren anklagenden Worten kämpferisch und stark, sie schafft sich Gehör, auch wenn – so wie ich – vielleicht nicht jeder verstehen kann, was sie sagt, fühlt man sich direkt angesprochen. Und auch ein bisschen ertappt, denn wir, das Publikum, sitzen doch nur da in unserem lahmen Voyeurismus, während da jemand ist, der alles gibt, um seine Nachricht zu vermitteln.

Doch werfen wir zuerst einen Blick auf das, was uns stets durch das Stück begleiten wird: Das Bühnenbild. Einfach und perfekt aufgestellt sind die wenigen Requisiten – eine weiße Couch befleckt mit einer mysteriösen roten Flüssigkeit, die mit einer durchsichtigen Plastikfolie bedeckt ist; eine Tonne, aus der immer wieder die buntesten Gegenstände gezaubert werden sowie eine weiße Mauer, die auch rote Spuren aufweist. Was ist hier passiert, bevor wir „zuschalten“ durften? Und warum sind die roten Flecken, zwar schon fast verblasst, auch auf Alevs T-Shirt zu erkennen?

Ich glaube“ ist ein Stück über Menschen und ihre Unsicherheiten, ihre Vorstellungen und die Beeinflussung dieser Vorstellungen durch religiöse und kulturelle Positionen. Die fünf Protagonisten diskutieren sich durch ein Potpourri von theologischen Strömungen, halten sich oft bei Wikipedia-Wissen auf, fröhnen um das leitende Wort, denn Wissen ist Macht, und wer recht hat, hat das Recht. Dabei fallen auch Späne. So muss sich Alev anhören, wie Susanne ihre Putzfrau, ihre „islamische Perle“ nennt und sich danach immer wieder für islamophoben Aussagen mal halbherzig, mal herzzereißend entschuldigt.

Die Stimmen der Diskutanten und Diskutantinnen überschlagen sich regelmäßig bei dem Versuch, ihr Wissen und ihre Meinungen kundzutun, der Brainstorm wird zum Wort-Sturm – dazwischen bekommt aber jeder Einzelne auch die Chance, zu sprechen. Während dieser Monologe werden die Menschen fassbar in ihrem Schmerz, in ihrer Angst, in ihrem unendlichen Zorn. Man schreit nicht mehr im Sturm, man ist nun im Auge des Sturms: fokussiert, ehrlich, offen. Da kann es schon mal vorkommen, dass man sich unter Verlustangst windet oder der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber der Welt bewusst wird. Oder komplett durchdreht und mit einer Super-Soaker-Wasserpistole rote Farbe auf die Menschen um sich und sein Umfeld spritzt. Und es kann immer wieder wer überschnappen, wie es aussieht.

ichglaube2Das großartige Schauspiel, die den ganzen Körper einnehmenden Choreografien in Verbindung mit der musikalischen Begleitung, die diesen Organismus trägt und abrundet, lassen in diesem Stück keine Längen zu. Martin Hemmers Impression von Anthony Hopkins sowie Benjamin Vanyeks Körperspiel mit Zirkusrequisiten lassen den humoristischen Aspekt des Stückes nicht zu kurz kommen. Selten habe ich im Theater so befreit gelacht; offensichtliche Pointen-Witzchen lösen in mir eher Unbehagen aus. Aber wenn Herr Hemmers eine wunderbare Rage wegen der Art, wie seine Ex-Freundin Suppe löffelte, aufzaubert, kann man diesem Dilemma nur noch mit Lachen begegnen.

Und dreht sich das Karussel der Verzweiflung doch mal zu schnell, lässt man sich in Hemmers Interpretation von Vicky Leandros „Ich liebe das Leben“ fallen und atmet tief durch. Liebe verbindet. Was kann einem da schon geschehen?

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top