THEATER

Eine zerrissene Dystopie – Doppelplusungut

Derzeit gibt es die Bühnenfassung des Dystopie-Romans "1984" von George Orwell unter der Regie von Hermann Schmidt-Rahmer zu sehen. Als effektüberladen und wenig raffiniert stellte sich die Premiere im Volkstheater heraus. Einige lichte Momente gab es dann doch in weißen Kostümen und Glitzerschlapfen.

MIT OPTIMISMUS IN DIE DYSTOPIE
"Hoffentlich wird das nicht wieder so ein Stück, das zwanghaft versucht, das Original in die Jetzt-Zeit zu befördern", sagt mein Kumpel zu mir, als wir uns mit einem Coffee-to-go vom Ring Richtung Volkstheater aufmachen. Ich bin wesentlich optimistischer eingestellt, da meine letzten Theaterbesuche fast durchwegs positiv ausfielen und beginne zu strahlen, als wir endlich auf prominenten Plätzen in der Tribüne Platz nehmen, gespannt auf die nächsten zweieinhalb Stunden. Und außerdem: Wenn der Gegenwartsbezug gut gemacht ist, dann ist das nur willkommen zu heißen!


RESENTMENT AGAINST THE MACHINE
Der Vorhang geht auf und, ohne es zu wollen, bröckelt mein Optimismus ein wenig. Die Reaktion kann ich kaum rechtfertigen und nur dadurch erklären, dass in meiner Erfahrung eine Vielzahl von Bildschirmen und Video-Leinwänden auf der Bühne eine organische Inszenierung nicht unbedingt leichter macht. Wenn aber die Integration von filmischen Elementen im Theater funktioniert, kann es eine außergewöhnliche Erfahrung werden. Ich schüttle also mein Misstrauen ab und lasse mich zunächst auf das durchaus spannende Bühnenbild ein. Sieben Streifen teilen die Bühne, im Hintergrund grenzt an jeden Streifen ein verschiebbarer Bildschirm. Diese Flexibilität beeindruckt mich und wird besonders im ersten Teil des Stückes auf spannende Weise eingesetzt.

DAS ORIGINAL
Türe, Wände und Flure werden durch pantomimisches Spiel der Schauspieler und Schauspielerinnen erschaffen. Big Brother beobachtet, no na net, vom Bildschirm aus. Winston Smith (Rainer Galke), der Protagonist, wird Zeuge eines Verbrechens, seine Nachbarn, die Parsons, verschwinden, er weiß aber nicht genau, ob er seiner Erinnerung vertrauen kann. Hat überhaupt jemals jemand in der Nachbarswohnung gelebt? "1984", der 1949 erschienene Roman behandelt auf eindrucksvolle Art, wie das Individuum in schrecklicher Zukunft durch eine korrupte Weltdiktatur all seiner Menschlichkeit beraubt wird. Es ist eine Zeit lang her, dass ich das Werk gelesen habe. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist Orwells Talent, eine noch nicht da gewesene Welt zu schaffen, eine Welt, die zwar an die stalinistische Schreckensherrschaft erinnert, aber in seiner Kunstsprache einzigartig ist.

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NICHT SCHLECHT – UNGUT
Leider konnte die Inszenierung im Volkstheater diesem Level an subtiler Kunstfertigkeit nicht entsprechen. Überhaupt wurde Subtilem wenig Platz eingeräumt. Stattdessen wurde auf dem über der Bühne schwebenden gigantischen Screen Trumps Gesicht nicht einmal, nicht zweimal, sondern zu oft gezeigt, was nicht problematisch sein muss, jedoch im Zusammenhang mit dem Stück absolut nicht notwendig ist. Bereits am Beginn wurde mehrmals (auch weniger Verweise hätten nicht geschadet) auf die schlecht besuchte Amtseinführungs-Zeremonie im Jänner 2017 in den USA aufmerksam gemacht. Niemand musste Trump (so oft) sehen, um Trump in diesem Stück zu sehen. Um es in Neusprech zu sagen: Ungut.

198402HARMONIE
Kostümtechnisch hat man sich bis zum letzten Akt auf Kim Jong-un-Style geeinigt. Haare sowie Outfits wurden von Frauen wie Männern in Diktator-Manier getragen. Dem Romanstoff wurde durch Äußerlichkeiten, aber auch textlich immer wieder eine Gegenwartskur verpasst, die durch ihr Übermaß nicht nur meinen Freund zusehends ermüdete. Die Pause kam also genau zur richtigen Zeit. Dem abschließenden Akt kann man aber manches zugutehalten. Davon abzusehen sind natürlich die asiatisch angehauchten Foltermenüs, die eine humoristische Note verfehlten. Diesmal hat der Einsatz von Handkameras, auf dessen Verwendung ich bis dahin eigentlich verzichten hätte können, Sinn ergeben und fügte sich gut in die Handlung ein. Die nordkoreainspirierten Outfits wichen futuristisch-weiß-silbernen Aufmachungen, die eine endgültig der Menschlichkeit enthobenen Welt wunderbar widerspiegelten. Musik, Schauspiel und besonders die Körper-Performance harmonierten (leider etwas spät), das unstete Gefühl der unabsichtlichen Fragmentarisierung verpuffte für kurze Zeit.

WENIGER ERKLÄREN, MEHR ZUTRAUEN
Die Schauspieler und Schauspielerinnen leisteten Großes! Neben dem Händeln von technischem Schnickschnack sowie der Konzentration auf Sound- und Kameraeffekte, der aufwändigen Maske mit den grusligen Kontaktlinsen sowie dem Live-Einsetzen jener auf der Bühne, hatten die Akteure alle Hände voll zu tun. Meiner Meinung nach hat darunter die Hingabe in die Rollen gelitten. Erst am Schluss hat sich das Schauspiel entfalten können. Was schade ist, denn davon hätte ich gern mehr gesehen. Mehr als von Kellyanne Conway. Und definitv gern mehr als von Trump.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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