THEATER

David Bowies LAZARUS im Volkstheater

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Thomas Jerome Newton, der Mann, der auf die Erde fiel, betrinkt sich mit Gin, während sein Geist einen Drahtseilakt zwischen den Realitäten aus zwei Universen betreibt. In beiden ist er nicht beheimatet und auch die Personen in seinem Leben, ob lebendig, tot oder eingebildet, sind immer wieder haltlos. Da scheint es ganz schön verrückt, auf Hoffnung zu setzen. Das Musical "Lazarus" von David Bowie und Enda Walsh gibt es im Volkstheater noch bis 15. Juni zu sehen!

IM BOWIE-ESKEN ASSOZIATIONS-REIGEN
Um 18 Uhr, auf die Minute genau, wird es nicht dunkel im Volkstheater Wien, auch der Vorhang wird nicht gelüftet, die Flügeltüren zur Tribüne sind noch sperrangelweit offen, das Publikum unterhält sich nicht gediegen flüsternd, sondern bespricht noch dies und jenes im Normalton, als ein paar in Sportdressen gekleidete Figuren dem Orchestergraben entsteigen und sich unbedarft am Bühnenrand bewegen. Ah, da kommen auch schon die drei Wahnsinns-Feen, wie ich sie in meinem Kopf im Laufe des Stückes benennen werde. Bodysuit, Plateau-Schuhe, Glitzer-Make-up, Netzstrümpfe… Wir sind also schon mittendrin im Bowie-esken Assoziations-Reigen, dem Musical "Lazarus"!

NEWTON UND DIE EINSAMKEIT
Mit smooth jazz, blue drinks and sweet Mary Lou sind wir nun auch in die Welt von Thomas Newton eingetreten aka The Man Who Fell to Earth. Newton, ein Alien, das vor 40 Jahren als strahlende Erscheinung auf die Erde kam, um seinen von Dürre geplagten Planeten und Familie zu retten. Seine unglaubliche Reise erzählt von Reichtum und Status, von Liebe, dem erfolgreichen Bau einer Rakete, dem erfolglosen Versuch, sie zu starten, dem tiefen Fall und dem Eingesperrtsein, dem Leben als Versuchsobjekt und vor allem: der Einsamkeit.

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Seine Welt ist ein quälender Zwischenraum, aus dem er sich nicht zu befreien vermag, da er unsterblich ist. Erinnerungsfetzen, Erscheinungen und Flashbacks quälen und nähren ihn zugleich. Irgendwann ist es ihm auch egal, dass er mithilfe einer Halluzination in Form eines Mädchens (Katharina Klar, die Bowie-Songs mit respektabler Stimmgewalt verinner- und äußerlicht) versucht, eine Rakete zu bauen, um aus der dieser geclusterten Wohnung, dem gitterlosen Gefängnis, zurück zu seinem Planeten zu flüchten. Aber da ist die irdische Mary Lou… Ob sie noch lebt? Die Janusköpfigkeit droht ihn zu zerreißen.

LOVE IS LOST
Günter Franzmeier als Newton ist eine Quelle, aus der sich die Kraft eines unendlichen Lebens voller Hoffnung und Schmerz, Freude und Verzweiflung ergießt; sein Spiel der seelischen Pein hat mich tief (und gut) getroffen. Unter anderem ist es diese Zerrissenheit gewesen, die mich bei dem Film "The Man Who Fell to Earth" aus dem Jahr 1976 mit David Bowie in der Hauptrolle fesselte.

BOWIE IN ÖSTERREICH
Die MusikerInnen, die erfreulicherweise nicht im Orchestergraben verschwinden mussten, lieferten eine wunderbare musikalische (und schauspielerische!) Leistung. Der Bogen von Bowie-Songs wurde mit "Lazarus" geschlagen und mit "Heroes" geschlossen, wobei die Anfangsmelodien fein in das Ende übergingen. Überhaupt wurden die 17 Songs (darunter "Absolute Beginners", "Life on Mars", "Valentines's Day") auf größtenteils originelle Weise interpretiert, wobei sich der Österreich-Akzent der Schauspieler spannenderweise in diese recht sympathisch einfügte. Oft aber habe ich mich dabei erwischt, die deutschen Dialog-Texte in meinem Kopf zurück ins Englische zu bringen. Das war dann doch stellenweise schmerzhaft.

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SOUND AND VISION
Natürlich wird bei einer Produktion aus Bowies Hand auf Sound AND Vision gesetzt. Und das im Stil der 70er-Bowie-Jahre: Bezaubert wurde man von der The Mann Who Sold the World-Ästhetik (Christoph Rothenbuchner als Valentine, großartiger Körperkünstler) und Ziggy-Stardust-Glitzeria (die drei Wahnsinnsfeen) bis hin zum isolatorischen Image der Low-Ära in der Aufmachung von Thomas Newton. An Assoziationen, die wie Geister aus dem Nichts auftauchen und bei näherer Betrachtung sofort verpuffen, aber umso stärker nachwirken, fehlt es nicht. Mit ebenso viel Sinn und Mut wird die Bühne gestaltet, verwaltet und benutzt.

(MAYBE NOT) ALL THE YOUNG DUDES
Manchmal stellte ich mir eine größere Bühne vor, um den spielenden und singenden Körpern den gebührenden Platz zu gewähren. Vielleicht übertrug sich auch einfach Newtons unerfüllte, aber ungebrochene Hoffnung auf Freiheit auf mich. Und auch wenn ein beachtlicher Teil des Wiener Publikums auf Aufforderung des Ensembles, zu "All the young dudes" ein wenig aktiv zu werden, doch eher stumm und starr blieb, so ist das Musical "Lazarus" doch sehens- und hörenswert!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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