THEATER

Theater gegen die Einsamkeit: Martin Gruber im Gespräch

martingruber3Das AKTIONSTHEATER ENSEMBLE wird bald 30, doch bevor die Korken knallen, gibt es noch ein ganz besonderes Theater-Projekt seines Gründers Martin Gruber im WERK X: Vom 15.–18. November werden Stücke der letzten Jahre neu interpretiert in „Vier Stücke gegen die Einsamkeit“ zu sehen sein. Was der Regisseur darüber und über 29 Jahre “Arbeit am Moment” verrät, erfährt ihr hier.

 

ARBEIT AM MOMENT
Regisseur Martin Gruber und ich treffen uns im Cafe Ritter. Der Tisch sieht bereits nach Arbeit aus, mit Laptop und leeren Kaffeetassen. Später erfahre ich, dass nach unserem gleich das nächste Interview folgen wird. Er versichert mir, dass er keine Schablonen-Gespräche führt und sich auf jedes Gegenüber neu einlässt – ich glaube ihm. Die Arbeit am Moment und die Re-Aktion sind wesentliche Prinzipien seiner Theaterarbeit. Wir unterhalten uns über 29 Jahre aktionstheater ensemble (jubiliert wird 2019) und was die Zukunft birgt. Er offenbart, warum er mit der Inszenierung klassischer Stücke vor zehn Jahren gebrochen hat und spricht über die Gefahr der Wiederholung. 

 

HINTER ALLER ELOQUENZ
Ich bestelle einen Verlängerten, Martin Gruber eine Melange, der Kellner nimmt die Bestellungen reaktionsfrei entgegen. Bevor ich das Aufnahmegerät einschalte, wechseln wir noch ein paar Worte über die Reservation noch mancher "Altwiener" Kaffeehauskellner. Dabei verrät er mir, dass er nach vielen Zusammenkünften auch mit diesem Kellner schon ein bisschen warm geworden ist. Der Mensch, was ihn bewegt und was sich hinter der "normalen Eloquenz" verbirgt – das sind Dinge, die ihn interessieren und ihn besonders in seiner Arbeit mit dem aktionstheater ensemble immer wieder antreiben.

 

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"VIER STÜCKE GEGEN DIE EINSAMKEIT"
Musikalisch neu interpretiert sowie textlich neu bearbeitet werden Stücke der letzten Jahre für das Theaterprojekt "Vier Stücke gegen die Einsamkeit". Besonders spannend, so Gruber, werden hierbei die Querverbindungen zwischen den Stücken sein. Wenn man seine Arbeit kennt, weiß man, dass diese ohnehin ineinandergreifen: "Man kommt von einem ins Nächste." Wichtig für ihn sind dabei die gesellschaftspolitischen Aspekte und Strukturen sowie deren Auswirkung auf Einzelne. Anstatt Antworten aufs politische Klima zu liefern, wirft er beim Publikum lieber Fragen auf. Narrativ und Stringenz spielen keine Rolle, denn der Subtext ist ohnehin viel spannender. Den Leuten die Welt zu erklären ist "nicht nur doof, sondern langweilig."

ES GING NIE UM AGITATION
Gruber wird mir dann aber doch erklären, wie seine Stücke entstehen. Im Grunde beginnt alles mit Interviews zwischen ihm und den SchauspielerInnen. Als er mir davon erzählt, formen seine Hände einen großen imaginären Ball, er zeigt mir sozusagen "die Wust an Material", die später verdichtet, quergeschrieben, choreografiert und musikalisiert wird. Ich möchte wissen, ob der doch sehr menschennahe Umgang mit "Zustandsbeschreibungen und Nöten" der Grund dafür ist, warum er vor zehn Jahren mit der Inszenierung klassischer Theaterstoffe gebrochen hat. Gruber nickt und betont, dass es "frappierend ist, wie viel ein Mensch erzählen kann, wenn man tief genug geht. Dann passiert etwas. Das kann ich auf dem Reißbrett gar nicht erfinden." Der Impetus war aber schon immer ein gesellschaftspolitischer, es ging ihm nie um Agitation, das wäre zu simpel.  

WAS MACHT DICH SPRECHEND, TANZEND, AGIEREND?
Eitelkeiten, Nöte und Ängste werden in Grubers Stücken – oft jenseits der Schmerzgrenze – gezeigt. Die "Unmittelbarkeit" des Schauspiels, wie ich es nenne, das zuweilen an Improvisation erinnert, hat eine besondere Wirkung aufs Publikum. Das hört der Regisseur nicht zum ersten Mal und nickt. Dann lächelt er. Jede Bewegung, jeder Schrei und jeder Blick ist streng choreografiert. In diesem festgelegtem Rahmen gibt es aber eine ungemeine Spannbreite – "ähnlich wie im Jazz." Es findet ein Dialog mit dem Publikum statt, eine vierte Wand existiert nicht. Gruber spricht von "Re-Aktion" und diese ist stark vom "Kognitiven und dem Affekt" abhängig. Eine halbe Stunde vor jeder Vorstellung kommt das Ensemble zusammen. "Der Punkt ist immer der, die Notwendigkeit zu haben, etwas zu sagen, zu spielen, so, dass es dich spricht. Was also macht dich sprechend, was macht dich tanzend, was macht dich agierend?" Auf diese Weise begegnet der Regisseur auch der Gefahr der Wiederholung. Und das kann ganz schön an die Substanz der SchauspielerInnen gehen.

 

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"MAN IST GEPLÄTTET VON DEM, WAS ZURÜCKKOMMT"
Martin Gruber ist es deshalb ein Bedürfnis, einen "liebevollen Umgang" in der Theatergruppe zu pflegen. "Denn da passieren oft nicht so liebevolle Dinge auf der Bühne." Und fügt strahlend hinzu: "Man ist geplättet von dem, was zurückkommt." Mit der wunderbaren Susanne Brandt arbeitet er schon 25 Jahre zusammen. Ob man sich auf die Nerven geht? Nein! "Die Zusammenarbeit intensiviert sich. Man wird gemeinsam immer radikaler." Stolz ist er natürlich über die Nominierung Nicolaas van Diepen für den heurigen NESTROY-PREIS. Insbesondere weil zum ersten Mal ein Schauspieler einer freien Kompanie inkludiert wurde.

 

ÜBERTREIBUNG FUNKTIONIERT NICHT

Zum Schluss möchte ich noch zwei Dinge wissen: Wie reagiert man als Kulturschaffender auf internationale und nationale Tendenzen, Gehässigkeiten – oder schlichtweg Hass – in die Tagespolitik zu integrieren und damit salonfähig zu machen? "Übertreibung funktioniert nicht, die wirkt im Kabarett schon platt." Vielmehr geht es ihm um die Frage: "In welchem Hummus gedeiht solch ein Hass, diese Entsolidarisierung?" Mit Besorgnis erkennt er eine wachsende Einsamkeit in der Gesellschaft. Aber auch in der Kunst. Oft bleibt man unter sich, inklusive Publikum. 

 

WIE GEHT’S WEITER?
Meine allerletzte Frage: Wie werden 30 Jahre aktionstheater ensemble 2019 gefeiert? Er lacht. Damit hat er sich noch gar nicht auseinandergesetzt. Aber er kann mir schon verraten, wie sein nächstes Stück heißen wird: "Wie geht’s weiter? Die gelähmte Zivilgesellschaft." Passend.

 

Wir haben uns ganz schön verplaudert und das nächste Interview steht bereits an. Ich bitte ihn um ein paar abschließende Worte. Er denkt kurz nach – ohne Pathos erwidert er: "Ich glaube an den Moment. Der Mensch verändert sich und Schablonen bestätigen nur Klischees."

Wer eine besondere Theatererfahrung erleben möchte und nun gespannt auf die "Arbeit am Moment" geworden ist, soll mit dem aktionstheater ensemble und Martin Gruber vorfeiern:

VIER STÜCKE GEGEN DIE EINSAMKEIT
von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
Am 15. & 17.11.: "Die wunderbare Zerstörung des Mannes" & "Ich glaube"
Am 16. & 18.11.: "Immersion. Wir verschwinden" & "Swing. Dance to the Right"

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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