THEATER

Mirage

"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will." Dieses Zitat von Albert Schweitzer und allerhand weitere, von verschiedenen Persönlichkeiten, wurden als Inspirationsgrundlage für das Stück  MIRAGE [SOMETHING ILLUSORY] herangezogen. Die Choreografin Nadja Puttner hat gemeinsam mit dem Ensemble Unicorn Art einen getanzten Wunsch formuliert und choreografiert und das Stück an zwei Spieltagen im  OFF THEATER präsentiert.

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Es geht dabei um die Lücke zwischen Gegenwart, Vergangenheit und natürlich der Zukunft. Vier DarstellerInnen drücken ihre Gedanken zu Einsamkeit, Gemeinschaft und dem Suchen und Finden davon in rund 100 Minuten Tanztheater aus. Schon der Titel veranschaulicht das, was es gilt auszudrücken. "Mirage" bedeutet im Französischen so viel wie "Fata Morgana" und stellt somit eine schemenhafte Verbindung zu den vielen Verrenkungen auf der Bühne dar. Alles flirrt und surrt herum, Glieder winden sich umeinander, um sich mit Empfindungen und Gefühlen auseinander zusetzen. Und lösen sich doch so schnell wieder aus ihren gemeinsamen Umarmungen, wie sie zueinander gefunden haben. Es ist eine vielfältige Mischung aus Tanz, gesprochenen Monologen und körperlichen Anstrengungen, gepaart mit einer musikalischen Live-Performance unter der Leitung von Eduardo Blandamura. Welcher hingebungsvoll Klarinette, Klavier, Violoncello und Saxophon dirigiert und dabei genauso ehrgeizig wirkt wie die vier DarstellerInnen, welche gerne [something illusory] auf die Bühne bringen wollen.

Die vier AkteurInnen, bestehnd aus Mara Kluhs, Nadja Puttner, Lukasz Czapski und Sebastian Gec warten anfänglich mit Ärzte-Vorzimmer-Atmospähre auf. Hier ist ein jeder für sich, ein groteskes Spiel aus unsichtbar sein wollen, dominantem Telefonieren und einander nicht beachten. Die Zuschauerin und der Zuschauer wird in dieses latent unangenehme Gefühl hinein gesogen und nicht mehr freigegeben.
Obwohl die Wartezimmermauern nach einer gefühlten Ewigkeit eingerissen werden und aus den einzelnen Bauteilen, in ständig wechselnden Sequenzen, Neues erschaffen wird, kommt das Gefühl auf, dass wir als ZuschauerInnen mit den Geschehnissen allein gelassen werden.

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Der Kopf schweift ab, hin zu eigenen Empfindungen und Gefühlen. Warum sitze ich hier und schaue anderen bei der Findung zu? Die Fragen, ob man in diesem Moment ebenso von allem abgeschnitten ist wie die darstellenden ProtagonistInnen und ob die anderen Gäste im Publikum sich ebenfalls gern als zusammenhaltende Leidens-Gemeinschaft gegenüber des langwierigen Prozesses auf der Bühne sehen würden, kann man, wenn, dann nur für sich selber beantworten. Doch sie versiegen wie ein Tropfen Wasser in der Wüste hinsichtlich des langen Atems, welchen man für das Stück aufbringen muss.

Der Kopf schwirrt, ähnlich wie bei dem Anblick einer Fata Morgana. Beim Verlassen des Off Theaters fragt man sich, was man da gerade gesehen hat - oder doch nicht gesehen hat? Zu viel, zu lang und doch zu weit entfernt, um es greifen zu können. Am Ende werden die Szenen einfacher, klarer. Ein Weg wird gebaut. Und doch stehen in der letzten Sequenz die Mauern wieder, ein jeder ist für sich. Allein in seinem eigenen Wartezimmer des Lebens.

"Der Philosoph Jean-Paul Satre hatte Unrecht. Die Hölle sind nicht die anderen. Die Hölle ist das von sich selbst besetzte Ego, das keinen anderen und nichts Fremdes mehr zulässt", so schrieb es die Philosophin Ariadne von Schirach.

Auch ich verlasse alleine, ohne weitere Gespräche mit den anderen ZuschauerInnen zu führen, das Theater. Endlich allein mit frischer Luft in der Nase und der flimmernden Fata Morgana des Stücks im Kopf. Ich bin tatsächlich froh darüber.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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