THEATER

Wenn Frauen Männer spielen

Lili Epply und Alina Fritsch sind die einzigen, die auf der kleinen Bühne im Vestibül zu sehen sind. Quer in den Raum vor den altehrwürdigen Marmorsäulen steht die Beton- und Stahlkonstruktion, die mit Leuchtbuchstaben "The world is yours" sagt. Als erstes gehört aber das Publikum den beiden. Denn sie schauen intensiv, bis die ersten vor Spannung zu lachen beginnen. Eines ist damit vorneweg und ohne Worte festgelegt: Die Beiden Frauen haben die Hosen an. EPPLY hat als Amor quasi die Hauptrolle, sie wechselt nur zu Offtexten, spielt Amor aber mit viel Tiefe. Selbstzweifel, Sehnsucht nach der einfachen Kindheit, nach dem Unwissen über Rassenklischees und nach Sicherheit und Selbstvertrauen.

ichrufemeinebrueder klein

FRITSCH dagegen wechselt behände zwischen den Rollen. Mal der starke Macker Shavi in der Schule, der Noten ignoriert, mal die frühere Jugendliebe, die sich gegen ungewünschte Avancen wehrt. Eine Leistung, schließlich sind beide mit streng geflochtenen Zöpfen, schlichten Shirts und Jeans sehr rausgenommen, alles passiert nur über Mimik und die verschiedenen Sprachbetonungen.

In knapp einer Stunde fesseln die Beiden das Publikum in die Geschichte, wie Amor seine Schulzeit rekapituliert und aufgrund einer Autobombe realisiert, dass sein Migrationshintergrund in einer augenscheinlich schwedischen Stadt, ihn automatisch zum Verdächtigen macht.

Die Anrufung der Brüder ist dabei ein regelmäßiger Break in der Erzählung. Dunkelheit, schwerer Technobeat und die Neonbuchstaben steuern diese Situationen, Epply gibt gleichzeitig Parolen. "Ich rufe meine Brüder an und sage ihnen". Sagt, dass sie ruhig halten sollen, sich verstecken. Doch Verstecken bringt nichts. Auch der bemüht angepasste Amur fällt auf, wird von der Polizei observiert. Sagt, dass sie unsichtbar werden müssen. Hinausgehen, in der Masse verschwinden.

Alles Leben in einer Stunde

Dazwischen, tja dazwischen lernt Amor. Lernt, wie Freundschaften sich verändern, wie innerhalb kurzer Zeit die Gesellschaft Sündenböcke sucht. Wie sich dieser Druck anfühlt. Übrigens ist es schockierend gut, wie sehr die 25-jährige Blondine mit stahlblauen Augen einem das Gefühl vermitteln kann, dass ein Student mit arabischem Migrationshintergrund haben muss. Tatsächlich hineinfühlen kann ich mich natürlich nicht und auch ihr Erscheinungsbild sollte nicht relevant sein, aber der Kontrast und wie Epply ihn überwindet, ist faszinierend und berührend.

Die Realitätsnähe der Situation und möglicherweise auch der gesellschaftskritische Aspekt dürften allerdings ins Schwarze treffen. Denn obwohl sonst Kabarett darauf basiert, dass unangenehme Wahrheiten nur mit Humor genommen werden können, erfüllt auch "Ich rufe meine Brüder" diese Aufgabe. Ohne das Original von JONAS HASSEN KHEMIRI zu kennen, haben FLORIAN HIRSCH und  ANNE SOKOLOWSKI bei diesem Stück mit der Dramaturgie und der Regie ganze Arbeit geleistet und kurzweilig ein gesellschaftliches Problem aufgerollt.

Nachdem nicht zu viel über den Inhalt verraten werden soll, nur ganz kurz: Fritsch wechselt die Rollen, ist vielseitig und doch eine permanente Ansprechperson. Durch das zurückgenommene Bühnenbild wirkt die tatsächliche Schauspielerei auch mehr. Fritschs Vielseitigkeit ermöglicht erst die Tiefe der Person Amor, die unterschiedlichen Ansprechpartner zeigen seinen emotionalen Verlauf und Hintergründe. Das Leben könnte doch einfach und sortiert sein, ein bisschen OCD und Sturheit könnte man in dem Charakter vermuten. Aber auch die Offenheit, die zulässt, dass das Leben einem zusetzt.

Obwohl es eine Überinterpretation sein könnte, wird aber auch Amor nicht unkritisch gesehen. Die Verliebtheit in die Jugendliebe findet in dem verzweifelten Versuch in die Vergangenheit zu flüchten einen kitschigen Höhepunkt mit einem Ständchen vor ihrem Fenster. Allerdings ist das geradewegs das Lied SWEAT VON INNER CIRCLE – das A La La Long-Lied, damit es auch jeder im Kopf hat. Der Text ist für ein Liebesgeständnis eindeutig kritisch zu sehen, schließlich hat er eine kritische Nähe zu erzwungener Intimität. Möglicherweise also auch ein Seitenhieb auf den oft nach wie vor unterstellten/ vorhandenen Sexismus in Migrantencommunities.

Trotzdem: nach knapp mehr als einer Stunde ruft Amor ein letztes Mal und diesmal bei Licht seine Brüder. Dazwischen gab es Aufforderungen, auf die Herkunft und die Zukunft ohne Grenzen stolz zu sein. Paranoia, Kritik an Sexismus und Visionen einer gemeinsamen Gesellschaft. Amur hat Hoffnung gehabt und Verzweiflung gespürt. Seine Vergangenheit wiederbesucht, gelernt, dass gute Absichten schädlich sein können und von seiner Großmutter halluziniert. Die letzte Hoffnung gehabt und aufgegeben. Aber dann taucht mit Shavi doch noch der Bruder auf. Quasi.

Nebenbei erwähnt sei auch noch, dass das Vestibül wirklich klein ist und man deshalb in dieser Aufgeben-Situation bei Epply tatsächlich die Tränen in den Augen sieht. Beim Applaus aber auch, wie ungeniert das Team sich über den Applaus gefreut hat. Was im Publikum auch einiges netter ist, als irgendwo am Balkon für wen zu applaudieren, wo man selbst mit Brille nicht genau die Mimik sieht.

Für ICH RUFE MEINE BRÜDER gibt es vorläufig nur im Mai weitere Aufführungstermine.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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