U6 CHRONICLES

Ein Koffer voll Heimat

Die weihnachtlichen Feiertage sind vorbei, das neue Jahr wurde begangen, die Verwandten besucht, Kekse und andere Köstlichkeiten verschlungen, getrunken, gelacht, gespielt, gesportelt, vielleicht gestritten, gar geweint, Geschenke vorfreudig ein- und ausgepackt, Koffer gestresst ein- und daheim erschöpft ausgepackt. So und unendlich variationsreich verbringen viele von uns die Tage ab dem 24. Dezember.

KESSEL
Von der Stadt aufs Land. In meinem Fall von Hernals nach Bad Eisenkappel, den südöstlichsten Zipfel Österreichs, ins Dorf oder wie es Maja Haderlap in ihrem Bachmannpreis-Text beschreibt, den "Kessel". Seit elf Jahren beginnt die Reise, abhängig von meinem aktuellen Wohnort, mit einer mal länger, mal kürzer dauernden Fahrt in der U6 Richtung Bahnhof Meidling.

u6chronicles2019

KAFFEKRÄNZCHEN
In diesem Jahrzehnt plus eins hat sich in meiner Welt naturgemäß einiges getan, die Studentin mutierte zur Langzeitstudentin, ausgedehntes Clubbing transformierte langsam, aber sicher zu WG-Parties zu Kaffeekränzchen zu vorzugsweise Solo-Schreiben im Kaffeehaus zu Hardcore Hosting in der Solo-Garcionnere und – der Bequemlichkeit wegen – wieder zu Kaffeekränzchen, denn wer hat Lust neben Arbeiten noch großartig aufzuwarten, wenn mit dem Alter auch die Ansprüche steigen?

KONTRAST
Das Gefühl, Wien zu verlassen, den Gürtel entlang in der bekannten braunen Linie, ist immer ein besonderes. Wenn sich mein Kopf in Vorbereitungen verliert (der entspannte Familienurlaub will so geplant sein, dass es auch zur Entspannung kommt), dann atme ich im Waggon erstmals laut aus, mein Geist öffnet sich zaghaft der Aussicht auf bekannte Gesichter, reinigende Luft und rauschende Bäche.

KALKULATION
Vorausschauend verdränge ich die Übelkeit, die mich spätestens nach dem dritten Umsteigen während der serpentinenreichen Autofahrt in Richtung Kessel überkommen wird. Und meine Überforderung, die sich erst nach zwei Tagen Familien- und Dorfleben legen wird. Und den Trennungsschmerz meiner Mutter, der sich bereits zwei Tage vor meiner Abfahrt breitmacht und Grund dafür ist, warum ich sie nun sehr zeitnah von meiner Abreise in Kenntnis setze. Was der Mensch nicht (fix) weiß …

EIN KOFFER VOLL HEIMAT
Wenn ich dann nach ein paar Tagen Kärnten die letzten acht braunen Stationen zu meiner Wohnung fahre, dann atme ich wohl laut aus, aber ich realisiere es nicht mehr. In meinem Koffer habe ich ganz viel Heimat eingepackt, weil die Familie noch immer davon überzeugt ist, dass ich die Studentin bin, die auf Sparflamme lebt. Wien rast an mir vorbei, die Wahrnehmung der Passagiere sickert nur tröpfchenweise zu mir durch. Andere Sprachen, andere Leben, andere Geschichten. Ich fühle mich wieder ein bisschen mehr bei mir. Wien hat mich wieder, die U6 rauscht vertraut in meinen Ohren.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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