U6 CHRONICLES

Entschuldigung?

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"ENTSCHULDIGUNG, KÖNNEN’S BISSL PLATZ MACHEN?"
Bestimmt ist das kein Phänomen, das sich nur in der U6 bemerkbar macht, aufdrängt, sich unangenehm in den "personal space" zu dringen versucht. Das stinkige Kebap? Nein, natürlich ist mir Essen in den Öffis wurscht (EH SCHON WISSEN).

MÖGLICHST SPARSAM
Ich spreche heute von einer Unart, die mir mein Leben lang bekannt ist. So hat sie sich auf ganz natürliche Art in den Alltag integriert. Nie habe ich sie als Schande wahrgenommen. Denn es war von Anfang an ein unausgesprochenes Gesetz, wo und wie der Platz als Mädchen – und als Frau – zu besetzen sei: Möglichst sparsam.

MANSPREADING
Jetzt rollen die Augen so mancher zurück bis ins Hirn, wenn sie flashige Anglizismen wie MANSPREADING oder MANSPLAINING hören. Denen muss ich nix erklären, die wissen Bescheid und einige wissen es ohnehin besser. Für die anderen, denen es doch allzu bekannt ist, sich auf Wiener U-Bahn-/Bus-/Bim-Sitzen aufgrund unzumutbaren Beine-Spreizens des Sitznachbarns im Klein-mach-Yoga zu üben, ohne von den erstaunlich rutschigen Plastiksitzen in den Gang zu plumpsen: Ich fühle mit euch.

MANSPLAIN THIS TO ME
Natürlich gibt’s fürs Manspreading keine anatomischen Gründe – obwohl mir die buntesten Erklärungen untergekommen sind, von pseudo-witzig zu pseudo-wissenschaftlich. Dass es Gründe gibt, steht außer Frage. Denn wie und wo jemand Platz für sich beansprucht, kommt nicht von ungefähr. Ungleichgewicht wuchert, wo sich selbstverständlich breit- und kleingemacht wird.

#NOTALLMEN
Nicht jeder Mann verspürt das Bedürfnis, der fremden Person neben sich jeglichen Komfort zu unterschlagen. Aber zu viele tun es, täglich, und die Selbstverständlichkeit, mit der erwartet wird, dass vor allem frau die Beine überschlägt, an den Rand des Sitzes rückt und dabei penibel darauf achtet, dass kein Körperkontakt entsteht, ist doch immer wieder erstaunlich.

ENTSCHULDIGUNG?
Genauso erstaunt reagieren besagte Entfaltungskünstler, wenn ich sie auf ihre Schandtat aufmerksam mache. Zuerst noch unauffällig, mit einem Nicken Richtung halbleeren (oder halbbesetzten?) Sitz. Wenn das nix hilft, mit einer Handbewegung, die suggeriert, dass sich da doch keine ganze Person mehr ausgeht. Und bei all vergebener Liebesmüh frage ich halblaut, da ich in Öffis für gewöhnlich nicht zum Plaudern aufgelegt bin: "Entschuldigung, können’s bissl Platz machen?" Richtig gelesen. Ich entschuldige mich.

#SORRYNOTSORRY
Die Verhaltenspalette reicht dann von großen Augen zu Verständnis-, gar Bewegungslosigkeit. Manchmal ist auch Unfreundlichkeit dabei, selten Aggression. In dem Fall aber verzichte ich aufs Sitzen.

Am meisten überrascht bin ich über jene, die selbst überrascht und ein wenig peinlich berührt sofort Platz machen. Der Soziologe Henri Lefebvre spricht in seiner Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Raum von "Ideologien und Gewohnheiten, [die] Räumlichkeiten produzieren, die sie stärken." Raum einfordern, wo es eng für einen wird, ist kein Prozess, der von heut auf morgen passiert.

Einstweilen verzichte ich bewusst auf weitere Entschuldigungen. #SorryNotSorry

 

*Mehr zu Raum und weiblicher Subjektivität in meiner MA-Arbeit: "A Room of One’s Own – Raum und Subjekt in Texten von Virginia Woolf und Anna Achmatova"

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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