Wien erregt

Tipps in Liebesangelegenheiten aus dem 19. Jahrhundert? Erkennungsmerkmale einer wollüstigen Frau? Oder darf's Näheres über die Venus vulgivaga - die Göttin der Prostitution - sein? Die Lesereihe Wien erregt begibt sich auf die Spuren von Liebe, Sex und Erotik in Wien zwischen den Jahren 1780 und 1913.

Es gibt viele Themen, Ereignisse und politische Geschehen welche man in historischen Texten aus der Zeit zwischen 1780 und 1913 findet. Gerade Zeitungen und Zeitschriften bieten eine Fülle an Material, um sich in die jeweilige Zeit hineinzuversetzen und das Tagesgeschehen nachzuvollziehen. Wie dominant allerdings das Thema Liebe, Sex und Erotik hier ist, lässt sich aus dieser Lesereihe erahnen. Auch wenn dieser Verdacht eventuell nahe liegt.

Immer diese Doppelmoral
Die Zeit vom Herrschaftsantritt Joseph II bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist geprägt von Reformen, Kriegen und der Formung Wiens wie wir es heute kennen. Im 19. Jahrhundert werden die Bezirke konstituiert, die Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie begründet, der Westbahnhof in Betrieb genommen, die Ringstraße eröffnet, die Staatsoper vollendet, die TU, die BOKU und die WU gegründet, das Hotel Sacher eröffnet, die Wiener Philharmoniker gegründet, die Wiener Moderne erlebte ihren Höhepunkt und Ende des Jahrhunderts wird bereits mit dem Bau der U-Bahnen begonnen.

Neben all diesen Errungenschaften und Kriegen gibt es auch noch den Alltag. Einen sehr ambivalenten Alltag. Reich und Arm sind auf engstem Raum nebeneinander anzutreffen, genauso wie unterschiedliche Moralvorstellungen. Bigottes Katholikentum neben der Unterwelt Wiens. Die allgemein bekannte Doppelmoral des Biedermeier bezieht sich meist auf das sich rasant entwickelnde Bürgertum. Dies ist auch jene Schicht, die die LeserInnenschaft der erschienenen Werke bildet und jene Schicht, die vorzugsweise von den Zeitungen angesprochen wird.

Und nirgends kommt die vorherrschende Doppelmoral deutlicher zum Vorschein als bei Sexualität. Und wohl kaum ein Thema ist aus heutiger Sicht auch unterhaltender.

„Liebe, oder liebe nicht, sei treu oder untreu, glücklich oder unglücklich, erfülle deine Pflicht, erfülle sie nicht, sei frivol, gemein, lasterhaft, oder unnahbar und rein wie ein Engel, – das ist deine Sache,... doch: Vermeide den Skandal...!“ aus „Gebt uns die Wahrheit“ (1902) von Else Jerusalem

Eine Lesereihe mit Musik
Sprecherin Nina Bauernfeind, Musikerin Katharina Litschauer (Glockenspiel, Querflöte) und Stefan Franke (Klavier) haben sich zusammengefunden um aus historischen Texten wie Zeitungs- oder Magazinausschnitten, Belletristik oder Flugblättern zu lesen. Klavier, Querflöte und Glockenspielmelodien begleiten die Vortragende und schaffen es so, für einen gut abgerundeten Auftritt zu sorgen. Um die Lesereihe mit dem typischen Alt-Wiener Charme zu unterstreichen findet sie immer in Wiener Kaffeehäusern statt. Die Wiener Kaffeehauskultur gehört nebenbei seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Wer sich solche Schmankerln gerne mal auch zu Hause durchlesen möchte, dem sei die Seite der Lesereihe nahegelegt, auf der es unter „Fundstücke“ eine gut zusammengestellte Sammlung davon gibt. Die nächste Lesung findet morgen, am 19. November, um 19:30 im Café Prückel statt. Eintritt gegen freie Spende.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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