Dichtungsraum

IMG 4435Am 11. Februar öffnete das mo.ë Wien seine Türen für eine junge Veranstaltung: Der zweite "dichtung///s///ring" gab unter Moderation von David Hoffmann und Ctot non Def drei jungen KünstlerInnen und einem Performance-Duo die Chance, öffentlich zu lesen und entdeckt zu werden. In Zukunft könnten Möglichkeiten wie diese jedoch seltener werden, denn statt dem Veranstaltungsort sollen nun Luxusapartments entstehen.

Sobald der Raum in der Thelemangasse 4 betreten wird sieht man: Das  mo.ë Wien hat die Ästhetik eines Ostberliner Künstlertreffs. Der große, nur durch einen kleinen Holzofen beheizte, zentrale Raum erinnert an eine leerstehende Fabrikhalle, die, durch das gedimmte Licht spärlich beleuchtet, zum Zentrum des kreativen Schaffens und Austauschs des Abends geworden ist. Ein Charme, den auch die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock zu schätzen wusste, als sie für die Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne Berlin die Räumlichkeiten nachgebaut hat.

IMG 4518Im Mittelpunkt des Abends stand das dichterische Interesse und die Betrachtung der vielseitigen Fassetten des Themas | 1-1-1 | 
in Lyrik, Prosa und Performance. Beim zweiten dichtung///s///ring drehte sich daher alles um den Themenkomplex Pharmazie, der, in der heimeligen Atmosphäre, ohne Anspruch auf Vollkommenheit oder Perfektion von den jungen KünstlerInnen verhandelt wurde. Die Metapher des Dichtungsringes soll dabei sowohl eine Versammlung von Dichtenden als auch das Isoliermaterial selbst, das vorerst die Flüssigkeiten zusammenhält, bis es unter der Witterung birst, beschreiben.

Iris Blauensteiner las aus ihrem im Herbst bei Kremayr & Scheriau erscheinenden Erstroman “Kopfzecke”. Die einfühlsame Ich-Erzählung setzt sich auf lyrisch sprachgewandte Weise in dem gewählten Kapitel, passend zum Thema, mit Demenzerkrankungen Angehöriger und dem Umgang mit diesen, aber auch atmosphärisch mit Spitalsituationen auseinander.

IMG 4525Fransa Routhin las aus ihrem Text Feldein 500mg, ein „Medikament“, das eingenommen Zukunfts- und Landfluchtängste und durch die rastlose Vortragsweise ein gewisses Gefühl der Unruhe und Ungewissheit aufkommen lässt.

Kurt Fleisch, der sich selbst als Nerd, Philosoph und derzeit zumeist grantig beschreibt, bot eine humoristische Lesung eines noch unfertigen Briefromans: “Briefe an Herrn S.”, in dem ein Nobelpreisträger seinen Patienten per Brief therapiert, Neuroleptika verordnet, von Selbstversuchen schildert und das „Irrenhaus“ als Schutzhaus empfiehlt.

Nach der Pause, in der man sich kurz erfrischen und die Magazinstände von  Syn, Jenny, Politix., Engagée und Wortwerk durchforschen konnte, schlossen Jessyca R Hauser und Effe U Kunst mit einer multimedialen Performance den Abend, die Herzmaschinen befragte, wie durch „scientific murmur“ zwei „Mutanten“ ihre Superkräfte zurückerlagen könnten, um über sich hinauszuwachsen und ein besseres Selbst zu schaffen.

IMG 4593Der Verlauf des Abends kann auch in der untenstehenden Gallerie durch Bilder nacherlebt werden. Es wäre wohl ein großer Verlust, diesen Treffpunkt und Veranstaltungsort, der Kunst wortwörtlich einen Raum gibt, für Luxusappartements aufzugeben, denn grundsätzlich widerspricht die Existenz eines Kunstraums den Gentrifizierungsvorhaben nicht. Es ist doch gerade die Zuneigung und Kunstaffinität der Postmateriellen, die Grund für ihren Zuzug ist und zur Aufwertung des Stadtteils führt. Das mo.ë hofft auf die Hilfe der Stadt, doch müsste die Förderung junger, teilweise noch unbekannter Autorinnen und Jungkünstler, die noch entdeckt werden müssen, und der Raum, der ihnen eine Bühne gibt, ein öffentliches und vor allem viel mehr diskutiertes Thema sein.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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