Österreich geht unter

landuntergangÖsterreich war einmal eine Demokratie mit einem Bundeskanzler. Der hat aber irgendwann auch als Sozialdemokrat den Bezug zur "einfachen Bevölkerung" verloren. Jetzt hat er als Hausmeister im Gemeindebau endlich wieder die Chance auf täglichen Kontakt mit ihnen. Und auch in der Politik hat sich endlich ein "Mann des Volkes" gefunden - Michael Hichl, seit mittlerweile drei Regierungsperioden Bundeskanzler.

Klaus Oppitz hat sich mit dem Hichl-Michl einen rechten Politiker der Extraklasse ausgedacht. Einen, der alles erreicht hat, was die Bürger sich wünschen: EU-Austritt, keine Ausländer, den Schilling und Jobs für alle. Nach dem Preis dafür fragt niemand, deshalb zählt auch Fabriksarbeit für den Staat als guter Beruf, wo die ganze Geschichte anfängt.

Eine dieser Fabriken liegt nämlich im Mühlviertel. Dort nähen unter Anderem die Güterweger Emma und die Pirklbauer Alwine Kleidung für den Export in den USA - Alwine ist in der ganzen Fabrik aber die Einzige, die den Job freiwillig macht. Alle Anderen sind sogenannte "Arbeitsscheue". Aber die 16-Jährige hat ja auch noch Träume und möchte unbedingt einmal heiraten. Das war's mit ihren Träumen aber auch wieder. Die Güterweger-Emma ist da ganz anders gestrickt. Ihr großer Traum ist es, den Hichl-Michl zu stürzen. Ein Plan, der etwas verwegen ist, für den sie durch den Besuch eines Fernsehteams aber plötzlich eine realistische Chance sieht - und: bereit ist eine Hand zu opfern. Übrigens eine Stelle des Buches, die sehr bildlich beschrieben ist und bei Lesungen beim Publikum mit unterdrücktem Gemurmel quittiert wird. Emmas Opfer ist allerdings nicht nur ein Persönliches, ändert sich dadurch doch auch das Schicksal von Alwine, allen Fabriksarbeitern und genau genommen dem ganzen Mühlviertel.

Landuntergang spielt aber nicht nur im Mühlviertel, sondern greift auch in Wien Handlungen beziehungsweise Personen des Vorgängerromans Auswandertag auf. Auftritt: Haider-Wolferl und Pascal. Den 20-Jährigen Phlegmaten und den Ex-Callboy verbindet eine Sache: Wolferls Vater. Deshalb wird Wolferl auch kurzzeitig vom Liebeskummer abgelenkt und sein Leben überschlägt sich plötzlich, als Pascal vor der Türe steht. Obwohl sein Vater ein einflussreicher PR-Berater der Hichl-Partei und ein glühender Verehrer rechter Ideale ist, kann er keinem von Beiden helfen. Weder kann er für Pascals Leben eintreten und ihm retten, noch kann er Wolferl vor den Folgen eines schweren Unfalls bewahren. Pascal muss sich also alleine auf die Flucht machen und Wolf beginnt als letzte Hoffnung seine Karriere bei der Polizei. Womit wiederum ein Grundstein für ein späteres, erneutes Zusammentreffen der Beiden gelegt wird.

Das ebenfalls im Mühlviertel stattfindet. Durch Zufall landet Pascal auf seiner Flucht in einer Aussteigergesellschaft und lernt Emma kennen - die die Basis für seine spätere ungewollte Macht legt.

Der wirtschaftliche Aufschwung auf der Basis einer faschistischen Diktatur (von wegen sichere Arbeitsplätze) hat nämlich die Folgen, die man auch in der realen Welt immer wieder beobachten kann: Es geht den Menschen schlechter. Deshalb haben sich einige Dorfbewohner in den Wald zurückgezogen und leben nur von der Natur. Regelmäßigen Besuch bekommen sie lediglich vom Pfarrer, der von der Welt außerhalb des Waldes, der Hoffnung auf Gott und seinem Anrecht auf ihre Lebensmittel predigt. Ein fataler Fehler, so kann Emma den (im weißen Bademantel auftauchenden und deshalb recht imposant aussehenden) Pascal rasch als neuen Priester etablieren und gründet dadurch eine neue Republik. Oppitz legt nämlich eine Grunderkenntnis schön aus: Sobald eine Menschenansammlung eine Führungsperson erhält und jemand bereit ist, Ehrlichkeit, Menschenleben und Moral für mehr Macht aufzugeben, kann sich nur etwas Schlimmes entwickeln. In diesem Fall die Christliche Republik (CR) - Österreichs ganz eigene religiös durchgeknallte Terrormiliz, die das Leben des Bundeskanzlers tatsächlich erstaunlich schwer macht.

Oppitz beschränkt sich aber nicht auf die Nacherzählung eines politischen Worst-Case, sondern erzählt die Geschichten der einzelnen Personen. Dabei geht es aber nicht nur um die Weiterentwicklung der zwischenmenschlichen Beziehung, sondern die persönliche Veränderung der Ansichten. Natürlich ist schon von Anfang an klar, dass Emma am wenigsten Skrupel hat und Alwine eigentlich rasch als Bauernopfer verschwinden müsste, aber dennoch gibt es immer wieder Überraschungen. Die teilweise wieder sehr unterhaltsam die Abgründe der menschlichen Psyche aufzeigen.  Die Erzählweise als innerer Monolog ermöglicht dabei eine gewisse Identifikation mit den Charakteren, auch weil so immer wieder zwischen deren Selbst- und Fremdbild gewechselt werden kann und ein Gesamteindruck der Persönlichkeiten entsteht.

Insgesamt ist aber klarerweise nicht mit der Gründung der christlichen Republik Schluss. Schließlich braucht auch eine Terrormiliz Gesetze, Emma versucht den Bekanntheitsgrad zu steigern und lenkt damit die Aufmerksamkeit der Wiener Regierung auf die CR und holt so ein Großaufgebot der Polizei ins Mühlviertel. Wodurch wiederum Wolf endlich auch die restlichen handelnden Personen kennen lernt und sich erneut in einer unerwarteten und lebensbedrohlichen Situation wiederfindet.

Durch die abwechselnden Erzähler ist Landuntergang sehr kurzweilig, die Erzählweise im Dialekt gibt den Personen noch zusätzlichen Tiefgang und fügt einiges an Witz hinzu. Obwohl inhaltlich vieles, nun ja sehr direkt der Gegenwart entnommen ist, spielt der österreichische Lokalkolorit eine entscheidende Rolle. Der Kontrast zwischen logischer Erklärung, persönlichem Wahnsinn und politischer Mahnung  schiebt Landuntergang doch wieder ein bisschen in die Ecke des Ernstzunehmenden, als Dystopie ist und bleibt es aber trotz allem hauptsächlich eines: politische Satire. Andernfalls wäre es auch nicht in Ordnung eine Geschichte wie Landuntergang mit so viel Humor zu erzählen.


Landuntergang ist nach Auswandertag das zweite Buch von Klaus Oppitz (*1971). Auswandertag ist 2013 erschienen und wurde als Adaption bereits am Salzburger Residenztheater aufgeführt. Oppitz ist hauptsächlich als Mitglied der Tafelrunde und damit kreativer Schaffer von Fernsehsendungen wie "Wir sind Kaiser" und "Bist du Deppert" bekannt.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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