Der Weg der Radikalisierung

uw cEine Bühne voller Kabel, drei Sessel, drei junge Schauspieler (lustigerweise alle Jahrgang 1990 und mit zeitweisem Hintergrund aus Linz). Mehr braucht es für "Sie & Wir" nicht. Mithilfe von Sound- und Lichteffekten ist die Umsetzung auch wirklich gut gelungen. Miriam Fussenegger, Julia Schneider und Lukas Wurm füllen die Rollen und spielen die zugrundeliegenden Persönlichkeiten wirklich gut. Sarah (Julia Schneider) und Jakob (Lukas Wurm) sind dabei mitten in diesem Konflikt involviert.

Sarah ist türkisch-stämmig, gläubige Muslimin und hat einen Freund im Irak. Einen Freund, den sie gerne heiraten würde und der ihr die Möglichkeit bietet, in den Djihad zu ziehen. Eine eigene Geschichte. Sarahs Geschichte sozusagen, allerdings mit der Möglichkeit eines Einblicks in die Radikalisierung und ihre eigenen Emotionen dabei. Natürlich kann niemand ermessen, wie Religion sich im Alltag auf Betroffene auswirkt, wie sehr Religion tatsächlich zu emotionaler Ausgrenzung führt (wobei es dafür natürlich auch Beispiele in anderen Religionen gibt) und was genau emotional mit den einzelnen Menschen passiert, die sich zu solchen Schritten entschließen. Aber als beispielhafte Veranschaulichung spielt Julia Schneider die Rolle glaubwürdig.

Gleichzeitig rutscht Jakob aus der Welt von Minecraft immer weiter in die virtuelle Opposition zu ISIS, hackt Twitter-Accounts und sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, angesichts der Weltlage selber aktiv zu werden. Ein Problem, das so mancher wohl vom Zeitungslesen her kennt. Allerdings ist das auch nicht hilfreich. Jakob hat aus dem Spiel eine Freundin, sie nutzt ihn einerseits aus, andererseits spiegelt ihr Verhalten eben genau diesen Hilflosigkeit des Zusehens wider. Miriam Fussenegger zeigt in dieser Rolle das allgemeine Gesellschaftsbild, die Wut auf die Regierung, die Gesellschaft und eben dem Zynismus der Ohnmacht. Allerdings so nachvollziehbar und mitfühlbar, dass es fast logisch wirkt, dass sie ab diesem Sommer als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen mitspielt.

Anfangs wirken das schlichte Setting und der plötzliche Einstieg überraschend, in das Stück hineinzukommen dauert ein bisschen. Einerseits, weil die Kontraste zwischen den beiden Geschichten sehr extrem sind, andererseits weil zu Beginn bei Jakob die Welt von Minecraft überwiegt und die plötzlichen Szenen des Rollenpiels kurzzeitig immer etwas absurd wirken.

Gemeinsam haben die drei Schauspieler die Intensität, mit der sie ihre Rollen spielen, die Verfahrenheit der Ansichten, die ihre Geisteshaltungen einschränken und eine gewisse Naivität gegenüber der Auswirkungen ihrer Handlungen und Ansichten. Bis sich genau diese Auswirkungen zeigen und erstmals eine Begegnung in der echten Welt stattfindet, ausgerechnet zwischen Jakob und Sarah. Bei der schließlich der blanke Hass der einzelnen Ideologien aufeinandertrifft und Sarahs Radikalisierung neue Ausmaße annimmt.

"Sie und Wir" zeigt keine vollständige Geschichte, nur einen Einblick in einzelne Personen. Allerdings so, dass das Publikum zum Ende des Stücks wartet. Wartet, auf die weitere Geschichte. Das Stück regt dementsprechend zum Nachdenken an, ist nicht so sehr Vorführung, wie Aufzeigen. Das Aufzeigen einer gesellschaftlich relevanten Entwicklung. So gesehen erfüllt das Werk X wieder einmal vollkommen den Auftrag der Gesellschaftskritik. 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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