Können Sie mir einen schönen depressiven Abenteuerroman empfehlen?

Selten ist der Name eines Romanhelden so treffend gewählt, wie in „Abschlussball“, denn dessen Protagonist Marten martert sich ziemlich ab am Leben. Als Begräbnistrompeter verbringt er viel Zeit auf Friedhöfen, wo er „so spielt wie er lebt: ordentlich, leise und langsam“. Besonders zu Beginn ist er mehr Ich-Schweiger als Ich-Erzähler, Fremdkörper in seinem eigenen Leben, mit dem er ringt, um sich ihm immer wieder geschlagen zu geben, in einer Welt, die er mit klarem Blick seziert, aber niemals wirklich versteht. Von einschneidenden Familientragödien berichtet er mit der Teilnahmslosigkeit eines Chronisten, und dennoch kann sich der anfangs verstörte Leser der Anziehungskraft des Eigenbrötlers nicht entziehen, lässt sich ein auf dessen zaghaftes Tempo, um dann an seiner Seite schrittweise von der Vergangenheit eingeholt zu werden.

jess jochimsen britt schilling011„Abschlussball“ ist der zweite Roman des umtriebigen Autors und Kabarettisten Jess Jochimsen, dessen Werk auch mehrere Bühnenprogramme, Erzählungen und Bildbände umfasst. Bei all diesen Tätigkeiten profitiert der Münchner von seinem feinen Sinn für Ironie und einer Affinität für Wortspiele, zwei Talente die auch bei Interviews zum Einsatz kommen. Etc. hat einige Fragen zu seiner einfühlsamen und eigenwilligen Geschichte über nicht weniger als das Leben, den Tod und die Musik, und Jess Jochimsen beantwortet sie ausführlich und schriftlich, im Zug nach Hamburg.

Sein Held Marten flieht – vor dem Leben, vor Gefühlen, vor Nähe. Schon als Kind ist er lärmempfindlich und oft krank, später wundert er sich, warum damals „niemandem etwas aufgefallen ist“. Dann endlich entdeckt er seine Refugien, die Literatur und die Musik. Die Liebe zu ersterer teilt er mit seinem Schöpfer Jess Jochimsen, auf dessen Website sich eine ausführliche Liste an Buchempfehlungen findet, und der meint, dass „das Großartige an Büchern ist, dass man die in ihnen geschilderten Abenteuer nicht selbst erleben muss. Aber eben DARF, würde ich hinzufügen.“ Wie es schon auf dem Buchcover heißt: „Menschen erzählen sich Geschichten, um zu leben. Und für den Tod brauchen sie die Musik.“

Die Musik, das ist jene Universalsprache, die, wie man meinen könnte, unmöglich in Worte zu übersetzen ist. Wäre es anders, wer würde sich dann die Mühe machen, zu spielen? Dennoch, Jochimsen ist nahe dran, mit seinen minutiösen und fast zärtlichen Beschreibungen der stürmischen Geigen-Staccati und schmetternden Trompeten-Soli. Es ist spürbar, wie sehr der Autor dieser sprachlichen Herausforderung gerecht werden wollte, denn, wie er betont: „Ein falsches Wort ist ein falscher Ton.“

Falsche Töne gibt es kaum in der Melodie dieser Geschichte, die sich geduldig von D-Moll zu F-Dur hochschwingt. Zu verdanken ist das auch Jochimsens unprätentiösem Stil, frei von Schnörkeln und Pathos, und der respektvollen Ironie, mit der er sich seinem Protagonisten und dessen Schwermut widmet. Wie sein Held Marten hat Jochimsen viel Cioran gelesen. Der rumänische Philosoph des 20. Jahrhunderts, bekannt für seinen pessimistischen Realismus, notierte zum Beispiel: „Gerade der Gedanke, dass ich mein Leben beenden kann, hilft mir am Leben zu bleiben.“ Ob und an wen er Cioran weiterempfehlen würde, weiß Jochimsen nicht, noch ob ihm die intensive Lektüre gutgetan hat, aber zu Marten, findet er, „passt es perfekt“.

Auf Musikwünsche für seine eigene Abschiedsfeier angesprochen, meint der Schriftsteller: „Meine Liebsten werden entscheiden, was gespielt werden wird, sie hören ja auch zu. Was würdige Begräbnisse angeht, die durchaus rauschende, wilde Feste und "Abschlussbälle" sein können, pflichte ich einer meiner Figuren vollends bei: Es geht nie um die Toten, sondern um die Lebenden.“

Diesem Leitsatz ist der Autor mit „Abschlussball“ treugeblieben, der Geschichte eines Helden, der anders tickt, der sich lange eher leben lässt anstatt zu leben, um schlussendlich doch noch seinen ganz eigenen Rhythmus zu finden.

 

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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