Inside Buch Wien 2017

Ein paar Tage ist es her, dass die Buch Wien 2017 ihr Ende gefunden hat (8.–12. November) und auch heuer war ich wieder als Mitarbeiterin dabei. Hier ein kleiner Einblick in den Arbeitsalltag einer Buchmesse, die Herausforderungen und vor allem: den Genuss.

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MITTWOCH, ERÖFFNUNG, LANGE NACHT DER BÜCHER
Um 15 Uhr komme ich in der Messe Wien, Halle D, an und werde prompt eingeteilt, die Vasen und die pinken Blumen für die Lesebühnen zu suchen (aesthetics is the key); bitte nicht auf die Mülleimer vergessen; ah – schon sind die Aufschnittbrote vom Trzesniewski angekommen, ab damit zum Literaturcafé; Gott sei Dank habe ich eine zweite Garderobe für den Abend mit, man kommt schon ins Schwitzen. Von Weitem höre ich den Kontrabass von 5/8erl in Ehren zum Buffet tönen. Die Leute amüsieren sich bei Wein und Wiener Soul, lauschen den Lesenden, tauschen sich aus.

DONNERSTAG, ERSTER MESSETAG
Ich habe die Betreuung der Wasnerin-Bühne über und zudem die Ehre, verschiedenste Autoren und Autorinnen mit Wasser, Mikros, Tipps und Tricks zu versorgen. Man will sich ja im richtigen Licht präsentiert wissen und – was auf einer Buchmesse gar nicht so einfach ist – auch vom Publikum gut gehört werden. Besonders die Zusammenarbeit mit den Moderatoren und Moderatorinnen ist dieses Jahr wieder herzlich und professionell. Markus Köhle, der zudem selbst als Autor sein sensationell sprachelastisches Werk "Jammern auf hohem Niveau. Ein Barhocker-Oratorium" am Nachmittag vorstellen wird, sowie Günter Kaindlstorfer zaubern mit einer Leichtigkeit spannende Gespräche mit den verschiedensten AutorInnen auf die Bühne. Schulklassen, die die Buch Wien traditionell an den Vormittagen besuchen, kommen in den Genuss einer fesselnden Lesung von Robert Klement aus seinem Jugendbuch "Halbmond über Rakka – Verführung Dschihad". Später performt der Poetry Slammer Elias Hirschl Texte vor einem begeisterten Publikum, das bald nicht mehr weiß, ob ihnen das Lachen doch im Halse stecken bleiben soll. Ich bin so fasziniert von der geballten Ladung an Slam, dass mir nicht in den Sinn kommt, das Mikro etwas leiser zu schalten, bis mich die Kollegin vom Literaturcafé ganz gestresst darauf aufmerksam macht. Ein wunderbarer Einstand. Die Zehen voller Blasen verlasse ich am Abend schmerzerfüllt zufrieden die Halle D.

FREITAG
Ein Fokus der Wasnerin-Bühne liegt dieses Jahr unter anderem auf dem frankophonen Comics-Festival. Eindrucksvolle Gäste wie Jean Dufaux, Kerascoët, Dominique Bertail, Miles Hyman, Jean-Luc Fromental, Pierre Wazem und Isabelle Arsenault sprechen über ihr Werk und laden zur Signierstunde. Außerdem präsentiert Marcelo D’Salete, einer der berühmtesten Comickünstler Brasiliens, seine bewegende Graphic Novel "Cumbe" (auf Deutsch erschienen bei bahoe books), die die Kolonialisierung Südamerikas aufgreift. Ein persönliches Highlight für mich, einem so talentierten und faszinierenden Menschen bei der Präsentation seiner Zeichnungen assistieren zu dürfen.

Mittlerweile schon an die Menschenmassen sowie den Platz direkt neben den Lautsprechern gewöhnt, spaziere ich – heute in Turnschuhen – von meinem Hallenmikrokosmos zur U2 und atme die frische kalte Luft ein.

SAMSTAG
Ein schöner Zufall: Die erste Lesung des Tages beginnt mit einer Begegnung mit meinem ehemaligen Chef, dem Verleger Richard Pils von der Bibliothek der Provinz, der mit den AutorInnen Christina Hendl, Melanie Koller und Alfred Lanner und dem schreibwerkstatt-waldviertel-Gründer Robert Kraner das Werk "Zu zweit ist weniger allein" vorstellt, das mit dem Literaturpreis Ohrenschmaus prämiert wurde und seit 2007 Texte von Menschen mit Lernbehinderung veröffentlicht. Herzlich und mit großer Freude verlaufen dazu die Vorbereitungen, die Lesung ist qualitativ eine der besten und, für mich, vor allem vom Gefühl her eindrucksvoll.

Am Nachmittag versammelt sich schon zahlreiches Publikum vor der Wasnerin-Bühne, um den Psychologen Georg Fraberger aus seinem neuen Buch "Wie werde ich Ich" lesen zu hören. Mit Witz, Einfühlungsvermögen und Verstand betont der von Geburt an körperlich schwer behinderte Autor die Wichtigkeit "Nein" sagen zu können. Später präsentiert die Bestseller-Autorin Judith W. Taschler ihr neues Buch "David", das sich um Themen wie Identität und Adoption dreht, die in dem Leben der Autorin, die selbst adoptiert ist, eine große Rolle spielen. Zudem beschreibt sie auf eindrucksvolle Weise, wie schwierig es ist, die ersten 80, 90 Seiten eines Buches zu verfassen ("Es grenzt schon fast an Masochismus.").

Mittlerweile bin ich schon Expertin, was den Sound angeht; alle Menschen scheinen recht glücklich zu sein, das Publikum ist fasziniert, auch wenn es doch manchmal von der ORF-Bühne zu uns rüberhallt. Gut, dass ich da vom Mischpult aus entgegenwirken kann.

buchwien02SONN- UND LETZTER MESSETAG
Wieder arbeite ich mit wunderbaren Moderatorinnen wie Esther Csapo von FM4 und Julia Reuter von Ö1 zusammen, die die Spannung stets hoch halten und die brennenden Fragen stellen. So auch bei Erwin Riess, der den rollstuhlfahrenden Detektiv Groll kreiert hat und aus seinem neuen Krimi "Herr Groll und die Stromschnellen des Tibel" liest. Herr Riess erzählt von den aufwendigen Recherchen, seinen Reisen und den Vorteilen, die sich für einen Detektiv im Rollstuhl ergeben können.

Fasziniert hat mich auch das Interview mit Renate Holm zu ihrer Biografie "Wer seiner Seele Flügel gibt …: Mit Kunst das Leben meistern". Die Koryphäe, die in den Bereichen Operette, Oper und Theater, aber auch Film und Unterhaltungsmusik große Erfolge verzeichnet, feiert ihr 60-jähriges Bühnenjubiläum und spricht über Zwangspensionierung, eiserne Disziplin und das Geheminis, wie man "30 Jahre lang aussieht wie mit 50".

Simon Hadler, der sein Werk "Wirklich wahr! – Die Welt zwischen Fakt und Fake" vorstellt, enthüllt, warum die Moral im Internet den Bach runterzugehen scheint: "Die Leute lernen sich einander einfach kennen und das schockt im ersten Moment." Außerdem geht er auf sogenannte "Empörungsartikel", gefälschte Grafiken und Clickbaits ein. In seinem Buch gibt er verschiedene Beispiele aus der österreichischen und der internationalen Presse im Zusammenhang mit Fake und Fakt an, um aufzuzeigen, dass Qualiätsjournalismus noch immer sexy ist.

Um 17 Uhr verabschiede ich meinen letzten Autor, 5 Minuten später ziehe ich mein Sakko aus, den Hoody an und beginne, die Stühle wegzuräumen. Binnen von ein paar Stunden bricht der Mikrokosmos Buch Wien 2017 in sich zusammen. Schön säuberlich natürlich. Jetzt muss sich der Körper beweisen – der Geist, vollgepackt mit wunderbar spannenden Eindrücken, darf sich ausruhen. Aber nur nicht zu viel, eine Palette von der Kochbühne wär mir fast auf die ohnehin schon halbhinigen Zehen gefallen. Noch schnell ein Gruppenfoto, noch einmal lachen und motiviert dreinschauen. Es war mir ein Fest!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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