Der Anti-Mythos Raymond Carver

carver01Im Mai 2018 hätte Raymond Carver seinen 80. Geburtstag gefeiert. Der amerikanische Kurzsgeschichtenautor und Dichter, der sein literarisches Debüt mit dem Erzählband „Will You Please Be Quiet, Please?“ im Jahr 1976 gemacht hat, litt zeitlebens unter dem Joch des Alkoholismus. Nach ein paar heftigen Jahren des Trinkens ließ er 1977 endgültig davon ab, mit den Folgen der Sucht musste er jedoch jeden Tag kämpfen. Variationen seiner turbulenten Lebenserfahrungen finden sich in vielen seiner Geschichten wieder.

Der Erzählband „Where I’m calling from. Selected Stories.“ (1988), der noch zu Lebzeiten Carvers veröffentlicht wurde, enthält 37 seiner bekanntesten, weniger berühmte und sieben neue Kurzgeschichten.

Auch wenn einem Carvers literarisches Werk nicht bekannt sein sollte; sein Personenmythos des Autors als Alkoholiker kommt immer wieder in Radio- und TV-Kultursendungen vor. Wegen seiner Sucht und seinem literarischen Talent wurde er oft nahtlos zu Schriftstellergrößen wie Hemingway und F. Scott Fitzgerald eingereiht. Carver selbst hielt wenig von dieser Art von Idealisierung: „I was never into the myth or the myth of alohol and the artist. I was into the alcohol itself.“1

KEINE BERÜHRUNGSANGST
Diese Art von Anti-Idealisierung sowie der angstfreie Gang durch die Abgründe von Mittelklasse-Suburban-Wohnorten bis in die ärmeren Viertel, in denen das Prekariat auch mal zu träumen wagt, machen Carvers Texte so besonders. Sehnsüchte und Wünsche, Vorurteile und Routinen, das Sprechen und das Denken: Er schreibt den Figuren in seinen Short Stories Leben ein, das allzu bekannt und deshalb allzu ordinär ist. Tragik passiert nun mal im Alltag, jeden neuen Tag auf ihre Weise und das weiß der Autor aufzugreifen. Er lässt seinen Figuren Zeit und Raum, um ihren (Irr-)Wegen zu folgen. Behutsam und niemals langweilig entstehen so Individuen und Beziehungen, die greifbar und nachvollziehbar wirken. Und weil sie Menschen nachempfunden sind, sind die Figuren unsympathisch, fehlerhaft und schwach. Aber genug des Geredes, lasst uns in die Texte eintauchen!

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EIN BALANCEAKT
„They’re not your husband“, erstmals im Jahr 1973 veröffentlicht, stellt ein starkes Exempel der Carver’schen Zwischenmenschlichkeiten dar. Doreen, die Kellnerin in einem 24-Stunden-Coffeeshop und ihr arbeitsloser Ehemann Earl werfen sich durch eine scheinbar bedeutungslose Begebenheit in ein spannendes und kräftezehrendes Projekt: Doreens rascher Gewichtsverlust, der von beiden mit Leidenschaft und Disziplin verfolgt wird. Endlich springt der Funke in ihrer Beziehung über, endlich gibt ein gemeinsames Ziel. Earl fungiert dabei als gnadenloser Motivator („Just quit eating.“) und schließt seine Anregungen locker mit den Worten: „I’m a closer.“ Der beschreibende Moment, der es trotz Routinen und Phrasen schafft, die empfindsamsten und abgründigsten Stellen Schicht um Schicht freizulegen, gibt Carvers Geschichten eine Lebendigkeit, die sich wie ihre Figuren abwechselnd roh und fragil gibt.

DOSIERTE DISTANZ
Roh kommt auch die Geschichte „Little things“ rüber, über die ich nicht mehr verraten möchte, als dass sie den hohen Preis einer kaputten Beziehung auf brutal trockene Weise darlegt („In this manner, the issue was decided.“) Überemotionalisierung sucht man im Schreiben Carvers vergeblich; der Erzähler ist besonnener Beobachter denn voyeouristischer Erklärer. Das Fehlen einer auch nur im Ansatz urteilenden Instanz ermöglicht so einen viel tieferen Blick in die Handlungen. Auf diese Weise lässt der Autor Platz für Interpretationen, die Figuren werden nicht bis ins letzte Detail ausformuliert, ihre Absichten nicht enthüllt.

Umso stärker treffen einen Szenen wie die befreiende Autofahrt in der Story „Elephant“, als der Protagonist und sein Arbeitskollege George aus heiterem Himmel ihren langweiligen und durch schlechte Gewohnheiten erschwerten Leben – offenbar in den Tod – entfliehen. („ ,Go‘, I said. ,What are you waiting for, George?‘ “)

In diesem Sinne empfehle ich schleunigst – und nicht nur Liebhabern der klassischen American Short Story – die Lektüre von Raymond Carvers Kurzgeschichen.

 


 

1 Raymond Carver in: A Writer's Life. Carol Sklenicka.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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