Psychologischer Roman meets Wirtschaftskrimi

thekla0101In "Ein Geständnis" porträtiert Thekla Chabbi das Seelenleben einer erfolgreichen jungen Wirtschaftsanwältin, deren Existenz zunehmend aus den Fugen gerät. Das Resultat ist eine überzeugende Komposition aus Wirtschaftsthriller und einfühlsamer psychologischer Analyse.

Die junge Wirtschaftsanwältin Amelie Frank ist unglücklich. Doch nun, nach Jahren der Passivität, scheint sie fest entschlossen sich endlich freizuschwimmen. Sie will kündigen, ihr Leben in die Hand nehmen, und tut es schlussendlich auch, jedoch erst als ihr Körper ihr eine Verschnaufpause aufzwingt. In dieser findet sie anstatt der herbeigesehnten Unbeschwertheit nur Leere und Orientierungslosigkeit. Die ansonsten so rationale und überaus kluge Frau driftet zunehmend ab, sucht unablässig nach einem Ausweg, erst in einem Astrologie-Kurs und dann in einem seiner Teilnehmer, der bald ihr mysteriöser und unberechenbarer Verehrer wird.

Im Sog der rasanten Ereignisse stellt sich allerdings bald die Frage: Bleibt all dies ein Befreiungsschlag, oder wird es zu einem Vernichtungsschlag?

Thekla Chabbi kreiert gekonnt eine beklemmende Stimmung, der sich die Leserin kaum entziehen kann. Vor allem überzeugen die fein skizzierten Charaktere und die zwei zeitversetzten und klug verstrickten Handlungsbögen: Einer beschreibt die zunehmende Eskalation in Amelies Leben, der andere ihre kühle Selbstreflektion nach den Geschehnissen. Das sich um die Protagonistin immer enger zuschnürende Netz verleitet zur Inhalation des Buches, und dabei stört eigentlich nur eines: die teils langatmigen Dialoge.

So treffend Chabbis Sprache für ihre präzisen psychologischen Einblicke in die Seele ihrer Protagonistin ist, so gewollt und befremdlich wirkt ihr Stil in den Dialogen. Hier hat der Wille nach verschnörkelter Poesie oft Überhand gewonnen über die klare Vermittlung eines Gedankens oder eines Gefühls, und steht derselbigen oft sogar im Weg. Die Sätze sämtlicher Charaktere – nicht nur der gebildeten und hochanalytischen Amelie – gehen oft über viele Zeilen, wirken verklausuliert und wie zuvor aufgeschrieben. Kein Satzfragment, kein einziger halbgarer Gedanke findet sich in diesen eleganten, fast sterilen Konversationen. So sagt Amelie zu einem Bekannten: "'Aber das Vergessen im landläufigen Sinn', fährt sie fort, 'kommt mir so vor, als meine es, mein Vergehen sei gewesen, dass ich meinem Verstand nicht greifbar war. Dabei waren die elenden Gedanken verantwortlich für mein Lebensgefühlsdesaster.'" (Seite 221)

Gleichzeitig ist die Protagonistin Amelie brillant gezeichnet und schlicht beeindruckend: eine Figur von übermenschlicher Stärke und Klugheit. Alles hält sie aus, alles erträgt sie, auch die unbegreiflichen Herabwürdigungen einer selbstsüchtigen und selbstmitleidigen Mutter und die Instrumentalisierung durch einen inkompetenten Chef. Ihre äußere, lähmende Handlungsunfähigkeit gepaart mit dem schmerzhaften Druck in ihrem Inneren weiß Chabbi eindrucksvoll einzufangen.

Chabbis "Ein Geständnis" ist trotz der teils artifiziellen Dialoge großartig – fesselnd, komplex, aufwühlend – und bietet höchsten Lesegenuss. Man fühlt mit der Protagonistin, teilt ihr Schicksal bedingungslos, verliert sich in der Welt einer Frau, die, bei dem Versuch, sich zu retten, kopfüber in ihr Unheil springt. 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top