Schwarz und Weiss

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Dorothy Baker (nicht zu verwechseln mit Dorothy Parker, so wie ich am Anfang) wird in den letzten Jahren sowohl im englisch- als auch im deutschsprachigen Raum wieder entdeckt. Vor allem deswegen weil sie sich als eine der ersten SchriftstellerInnen mit dem Thema Jazz und dieser Lebenswelt literarisch näher auseinandergesetzt hat.

Einer ihrer Romane erschien erstmalig 1938 in den USA, 2017 dann die erste deutsche Übersetzung. Dorothy Baker ließ sich durch das Leben des weißen Jazzmusikers Bix Beiderbecke inspirieren. Jedoch teilen Protagonist und lebendes Vorbild nur Hautfarbe und dasselbe Lebensende miteinander. Man liest also über den Aufstieg und Fall eines weißen Jazzmusikers, der in den zwanziger Jahren in den USA zu DEM Trompetenspieler schlechthin mutiert. Die Autorin beschreibt auch eingehend, wie er dies schafft: Begeisterung, Üben, Üben, Üben und enormes Können. Es ist noch kein Stern vom Himmel gefallen sozusagen.

Die Autorin erhielt laut Nachwort damals für den Roman den Houghton Mifflin Literary Fellowship Award. Ganz nachvollziehen kann ich das nicht. Wobei natürlich damals die behandelten Themen viel mehr Aufsehen erregt haben als sie es heute tun würden. Ein junger weißer Mann befreundet sich nicht nur mit schwarzen Musikern, sondern sie werden zu seiner Familie, weil er selbst keine hat und stetig danach sucht. Diese Männer spielen alle Musik und zwar besser als alle anderen (also alle Weißen). Die (weiße) Hauptfigur Rick Martin erlernt die hohe Kunst des Jazzspielens von seiner auserwählten Familie, weil er eben keine Berührungsängste hat und es sich von ihnen beibringen lässt. Nur heiraten muss er selbstredlich dann doch eine weiße Frau, weil so weit ging die Liebe dann damals nicht. Obwohl die Ehefrau in keinem günstigen Licht dargestellt wird, sehr kalt und lieblos wirkt.

Ebenso wenig verständlich ist es zum Ende hin als Rick Martin innerhalb weniger Wochen zum schweren Alkoholiker wird und seine Freunde ihn in eine Entzugsklinik stecken. Die damalige Therapieform sah so aus, dass dem Patienten/der Patientin extrem viel Alkohol eingeflößt worden ist, anschließend enthält man ein Mittel, das eine sogenannte Überempfindlichkeitsreaktion auf Alkohol hervorgerufen haben soll. Klingt ein bisschen wie Schocktherapie, hat bestimmt nicht funktioniert. War aber eine der wenigen interessantesten Stellen in diesem Buch.

barker0201Schon die Übersetzung des Titels ins Deutsche ist mehr als fragwürdig: So heißt der Roman im Original "Young Man with a Horn" und bei uns "Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft". Wobei ich nicht ganz verstehe, wer hier wen fabelhaft findet und warum sich diese Person überhaupt darüber irren sollte? Manchmal war ich mir nicht sicher, ob die Übersetzung stellenweise schlecht ist oder ob der Roman mich einfach nicht fesseln kann.

Der Roman wirkt wie ein Film. Man findet Zeitraffungen (zum Beispiel werden so die ersten Wochen als verheiratetes Paar beschrieben) sowie Zeitdehnungen (beispielsweise werden die Konzerte gerne genauer beschrieben). Somit erinnert "Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft" an klassische Hollywoodfilme exklusive Happy End.

Die dargestellte Welt ist schwarz und weiß; nicht nur die Personen an sich aufgrund ihrer Hautfarbe: die spielen guten Jazz / die schlechten / die sind demütig / die hochmütig / die musizieren des Jazz wegen / die des Geldes wegen, usw. Der Roman ist nicht wirklich schlecht, aber es fehlt das gewisse Etwas, der Witz oder Esprit. Der Inhalt plätschert so dahin und wenn man mal im Urlaub nichts zum Lesen hat oder krank im Bett liegt, dann greift man eben zu diesem Buch. An einer Stelle im Roman sagt der Protagonist zu einem anderen weißen Jazzmusiker, dem eindeutig die Begabung und die entsprechenden Lehrer fehl(t)en: "Dieses hier ist so ... ach, ich weiß auch nicht ... es ist nicht ... es ist irgendwie so vorhersehbar."1 Und genauso ist dieser Roman.


1 Baker Dorothy: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft. Dtv: München 2017, S. 134.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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