Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber

ewü01Ein sonniger Samstag Spätnachmittag im April in Oberdöbling. Vor dem Gastwirten "Zum alten Nussbaum" in der Billrothstraße scharren sich Menschen vor dem Eingang zum Lokal, nippen an ihren Weißweingläsern, plaudern und rauchen Zigaretten. In der Stube läuft der Autor Ernst Wünsch auf und ab und begrüßt seine Gäste herzlich. Er hat geladen, um seinen neuen Roman "Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber" gemeinsam mit seiner Tochter Sofie zu präsentieren. Um 18.30, pünktlich nachdem die Sonne sich hinter dem Oberdöblinger Horizont verzogen hat, geht es los. Zur Begrüßung gibt Wünsch vor gut 60 Gästen die Anekdote wieder, Thomas Bernhard hätte im Alten Nussbaum einmal Schinkenfleckerl bestellt – und nicht bekommen. Ob Bernhard das Lokal danach wieder besucht hat, ist nicht überliefert. Heute aber kommen die anwesenden Gäste garantiert auf ihre Rechnung, denn neben Schnitzel und Gulasch wird ein Schmankerl literarischer Art präsentiert.

hugosterber cover"Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber" dreht sich um die Beziehung zwischen Ghostwriter Harry Stroh und dessen Strohmann Hugo Sterber. Stroh ist Koch- und Reisebuchautor, der seiner inneren Wut im Verfassen von brutal-perverser Tarantino'scher Belletristik Entfaltung gewährt. Weil sich das mit dem Geschmack seiner Frau Lore und dem gesellschaftlichen Ansehen so gar nicht vereinbaren lässt, muss Hugo, ein exzentrischer Kindheitsfreund von Harry, als dessen literarisches Gesicht für die Öffentlichkeit herhalten. Ein Deal, der beiden zugute kommt. Wäre da nicht Hugos exzessiver Lebensstil, weswegen ihm Harry stets auf die Finger schauen muss. Schließlich haben Hugos Auschweifungen (Alkohol, Tabletten, Marihuana, Koks usw.) schon oft genug zu Peinlichkeiten und Skandalen geführt. Nun stehen Veröffentlichung und Präsentation des neuesten Sterber-Werkes, also eigentlich Stroh-Werkes, "Das Hundezonenmassaker", vor der Tür. Damit alles gut geht, schickt Harry seinen Hugo also wie gewöhnlich vor solchen Terminen für zwei Wochen zur Entgiftung in eine abgeschottete Hütte ins Salzkammergut. So weit so gut, doch nur wenige Tage nach seiner Abreise vermeldet der von Harry Stroh installierte Aufpasser das Verschwinden von Hugo Sterber, also Harrys Strohmann, und alles kommt anders als geplant…

Von seinen bisher erschienenen sechs Romanen ist "Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber" vielleicht Wünschs bisher bester Streich. Schon der Einstieg in den Text mit der legendären Lesung zum "Arschlochforscher" samt Polizeieinsatz im Hörsaal 1 der Universität Wien ist zum Schreien komisch und zeigt die bekannten Stärken des Autors auf: Trotz humoristischer Überzeichnung sind die Skizzen, die Wünsch zeichnet, feinfühlig und authentisch zugleich und berücksichtigen das Spektrum menschlicher Wahrnehmungen umfassend. Und da dieses nie enden wollend ist, kommen auch langjährige Wünsch-Fans auf ihre Rechnung: auch der neue Roman enthält reichlich Abschweifungen, besteht aus zahlreichen literarischen Fingern, die in grausame, komische, groteske, wahnwitzige oder eben scheinbar belanglose Wunden gelegt werden. Nebenschauplätze und auf den ersten Blick Banales werden ins Zentrum des Autors gerückt, dessen präzise Beobachtungen und daraus resultierenden Darstellungen das dünne Eis der Mischung aus Tragik und Komik federleicht überschreiten lassen.

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Wünschs Betrachtungen sind nie eindimensional, nie einordnend oder urteielnd. Der radikalen Ablehung von Konventionen aller Art durch die Hauptfigur Harry Stroh (inklusive der autoritären Vaterfigur und all seiner Projektionen, dem konservativen Schottengymnasium, technologischer Entwicklungen, politischer Mehrheitsmeinungen) stehen leidenschaftliche Hinwendungen zu scheinbaren Kleinigkeiten des Lebens gegenüber. Die Helden in Wünschs Roman sind neben den Figuren gleichberechtigt etwa auch ein Wanderpfad in der Meistereben - einer Alm zwischen Atterssee und dem Trauntal, psychiatrische Therapiesitzungen zwischen Hugo Sterber und dessen Psychochlogin Gloria Schrott, die Zubereitung unterschiedlicher Speisen oder das gemeinsame Schauen der Wiederholung eines schlechten Tatortkrimis durch Harry und dessen Ehefrau Lore. Es ist das Banale, dass kontrastiert durch fantasiereiche Absurditäten ins Zentrum der Wahrnehmung des Lesers rückt und sich so leise ins Bewusstsein stiehlt. Wünsch hat diese Kunst immer schon verstanden, im "Sterber-Roman" hat er sie zur bisherigen Spitze getrieben.

IMG 7485Die Fähigkeit Wünschs zur genauen Beobachtung lässt starke autobiografische Züge vermuten. Dass das Buch im "Zum alten Nussbaum" präsentiert wird, passt dabei perfekt ins Bild – es befindet sich in unmittelbarer Nähe einiger Schauplätze des Romans. Und der spielt eben auch im Salzkammergut, womit sich ein weiterer Kreis schließt. Denn einerseits spielte etwa die Leo Kmetko Trilogie von Ernst Wünsch ("Finstern", "Kalamata oder das Ekel-ABC", "Der Abschweifer") in ebenjener Gegend im Salzkammergut, in die Hugo Sterber auf Entsaftungskur fährt, andererseits lebt und schreibt Autor Wünsch selbst neben Wien auch in Steinbach am Attersee. Dort hat er übrigens auch den Sushi Burger beim Hotel-Restaurant Föttinger gegessen, der es zur Erwähnung im Text gebracht hat.

Leise stiehlt sich Kellner Gustl mit einem mit Schnitzeln und Kartoffelsalaten, einem Gulasch, ein paar Bieren und Weißweingläsern beladenen Tablet durch die wenigen noch verbliebenen freien Stellen in der Stube und erledigt die Bestellungen der hungrigen und durstigen Gäste. Sushi Burger werden im Nussbaum zwar keine serviert, aber immerhin liest Wünsch zeitgleich aus einer Stelle im Roman, in der es um die Essgeschichten von Hauptfigut Harry Stroh geht. Und diese sind kultverdächtig und dermaßen gelungen, man denke etwa an Metaphern wie "Der Lachs hätte noch mindestens drei Lungenzüge" – also eine 'Garzigarette' - vertragen", dass man Stroh-Kochbuchwerke in der Realität herbeisehnt. Diesem Wunsch kommt Wünsch insofern ein wenig nach, als er das Rezept der im Roman vorkommenden Empanada Portuges im Anhang des Buchs nachreicht und der Geschichte ebenso einen Auszug aus Harry Strohs fiktiven Essgeschichten, Band 4 "Die Geschichte der Mayonnaise und andere" beilegt.

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Zum Schluss der Lesung gibt es Ovationen und Gratulationen, die sich dann auch im vielfachen käuflichen Erwerbs des Romans am Büchertisch nebst der Theke niederschlagen. Autor Ernst Wünsch, der seine Signierfähigkeit an diesem Abend mehrfach unter Beweis stellen muss, und seine Tochter Sofie, die ebenso bravourös wie der Vater vorgetragen hat, prosten einander zufrieden zu. Auch Barmann Gustl und seine Kollegenschaft sind glücklich mit Verlauf und Umsatz der Abendveranstaltung, für die das "Gasthaus zum alten Nussbaum" extra seine Pforten geöffnet hat.

Was Thomas Berhnhard bis zu seinem Ableben über das Wirthaus, das ihm keine Schinkenfleckerl zubereiten wollte, gedacht hat, ist nicht bekannt. Die zur Lesung gepilgerten Wünsch-Jünger werden "den Nussbaum" aber in guter Erinnerung halten. Auf dem Buchrücken der "Legende vom unsterblichen Hugo Sterber" heißt es übrigens: "Das Arschloch in uns ist größer als wir denken. Wir sollten ihm deshalb mehr Aufmerksamkeit schenken". Der Ruf, ein Arschloch zu sein, eilt Autor Ernst Wünsch wahrlich nicht voraus. Mehr Aufmerksamkeit haben er und sein literarischen Schaffen aber definitiv verdient.


"Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber" ist 2018 im Verlag Wortreich in Wien erschienen.

 

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