II Walter Benjamin und das Individuum in seiner Einsamkeit.

Im ersten Exkurs zu Walter Benjamins Schrift "Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Michail Lesskows" (1936) haben wir bereits über die Gründe für den unaufhaltbaren Verlust der epischen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelesen. Benjamin schreibt von von Krieg gezeichneten Rückkehrern, die schmerzvoller Schweigsamkeit verfallen sind, stellt dem aber auch den idealen Nährboden für die mitteilbare Erfahrung gegenüber. Was macht einen idealen Erzähler eigentlich aus und welchen Gefahren ist er ausgesetzt? Im Zusammenhang mit diesen Fragen widmet er sich dem russischen Schriftsteller Michail Lesskow, der während seiner Reisen durchs weitläufige russische Land ein hohes Maß an Weltklugheit erlangt hat und diese, nun sesshaft geworden, in seine Erzählungen einfließen lässt.

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WARUM SIND IN KIEW DIE BÜCHER TEUER?
Besonders in der Ablehnung des Sektenwesens, dem er auf seinen Reisen begegnet, findet Michail Lesskow Verbündete, obwohl er sich trotz des Kampfes gegen die orthodoxe Bürokratie der Religion aufrichtig verbunden fühlt. Den Kern seiner Erzählungen findet man jedenfalls nicht im Mythischen, sondern, so Benjamin, "in einem handfesten Naturell". Lesskows erste Schriften tragen Titel wie "Warum sind in Kiew die Bücher teuer" und weitere Texten handeln von Polizeiärzten, stellungslosen Kaufleuten und Trinkern. Den Protagonisten kann man ein praktisches Interesse zuschreiben, worin Benjamin ein Merkmal vieler geborener epischen Künstler sieht. In Lesskwos legendären Erzählungen kann der einfache Mensch durch den Ratschlag den Status eines Heiligen erreichen. "In jedem Fall ist der Erzähler ein Mann, der dem Hörer Rat weiß."

RAT IST WEISHEIT
Der Grund für diese sich breitmachende Ratlosigkeit ist das Abnehmen der mitteilbaren Erfahrung, wie bereits im ersten Teil "Walter Benjamin interveniert" erörtert wurde. Benjamin ist überzeugt: "Rat, in den Stoff gelebten Lebens eingewebt, ist Weisheit." Jene Weisheit bezeichnet er als die epische Seite der Wahrheit, die jedoch mit einem Ablaufdatum versehen ist. In dieser Entwicklung sieht er die "Begleiterscheinung säkularer geschichtlicher Produktivkräfte, die die Erzählung ganz allmählich aus dem Bereich der lebendigen Rede entrückt hat und" – was besonders spannend ist, weil er den Reiz der Ratlosigkeit anerkennt – "zugleich eine neue Schönheit in dem Entschwinden fühlbar macht."

DER EINSAME ROMANCIER
Das Aufkommen des Romans in der Neuzeit ist eines der frühesten Symptome eines Vorgangs, der mit dem Niedergang der Erzählung abschließt. Der große Unterschied zwischen Roman und Erzählung ist des Romans evidente Abhängigkeit vom Medium Buch. Die mündliche Verbreitung, das Gut der Epik, ist da grundlegend anders beschaffen. Der Erzähler speist aus der eigenen oder berichteten Erfahrung und macht diese wiederum zur Erfahrung anderer. "Der Romancier hat sich abgeschieden. Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das [...] keinen Rat geben kann." Dieser unstete Zustand wird im Roman zelebriert. Als Paradebeispiel dafür nennt er "Don Quijote". "Wilhelm Meisters Lehrjahre" sieht er zwar als eine Abwandlung der Romanform; die Grundstruktur des Bildungsromanes aber weicht von der des Romans nicht ab, denn, so Benjamin, "das Unzulängliche wird gerade im Bildungsroman Ereignis".

GEBURTSWEHEN
Dies ist natürlich nicht von heut auf morgen geschehen: Die Formen menschlicher Mitteilungen haben sich schleichend herausgebildet. Benjamin vergleicht den Prozess mit der Verwandlung, die die Erdoberfläche im Laufe der Jahrtausende erlitten hat. Erst im angehenden Bürgertum traf der Roman auf die Elemente, die ihn zu seiner Blüte verhalfen.

Im nächsten und letzten Teil der Serie "Der Niedergang der Erzählung. Walter Benjamin, die Presse und ihre Kurzlebigkeit." geht es um das Spannungsverhältnis Erzählung und Presse. Welchen Einfluss hat das Aufkommen der Informationsmaschinerie auf die von intensiver Lebenserfahrung abhängige Erzählkunst genommen? Mehr dazu erfährt ihr demnächst!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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