III Walter Benjamin über die Presse und ihre Kurzlebigkeit

Der von Kriegswirren schweigend gemachte Erzähler, die im Roman sich selbst feiernde Ratlosigkeit, die sterbende Kunst der mündlichen Kunde – kurz: Die Formen menschlicher Mitteilungen, die Walter Benjamins dunkle Prognosen zum "Niedergang der Erzählung" (Teil 1 & 2) inspirierten, führen nun zum dritten und letzten Teil des Exkurses zu Benjamins "Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Michail Lesskows" (1936).

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DIE PRESSE ALS INSTRUMENT DES HOCHKAPITALISMUS
Der Roman hat im wachsenden Bürgertum schlussendlich die Elemente gefunden, die ihn zur Hochblüte verhalfen, hält der Philosoph und Kulturkritiker Benjamin fest. Und obwohl die Erzählung sich der Inhalte dieser Zeit zunehmend angenommen hat, sei sie nie von ihnen bestimmt worden und deshalb langsam, aber sicher im Begriff zu schwinden. Doch nicht nur der Roman hat in einer vom Hochkapitalismus geprägten Zeit mehr und mehr Prestige genossen. Als wichtiges Instrument in dem bürgerlichen Klima setzt sich die Presse durch und bedroht den Fortgang der epischen Kunst des Erzählens, wie es der Roman zuvor nicht vermochte.

EIN DACHSTUHLBRAND WICHTIGER ALS EINE REVOLUTION
Die neue Form der Mitteilung, die Information, tritt auf den Plan und führt den Roman in eine ungekannte Krise, die Benjamin mit einem treffenden Zitat des konservativen Journalisten und Begründers der französischen Zeitung "Figaro", Villemessant, unterstreicht: "Meinen Lesern ist ein Dachstuhlbrand im Quartier latin wichtiger als eine Revolution in Madrid."

AN MERKWÜRDIGEN GESCHICHTEN ARM
Die Kunde aus der zeitlichen oder räumlichen Ferne wird nun von der Information, in ihrem Wesen dringlich und unmittelbar, abgelöst. Im Gegensatz zur epischen Form generiert die Information einen sofortigen Anspruch auf Nachprüfbarkeit – Merkwürdigkeiten und Wunder sind dabei bedeutungslos. An dieser Stelle lenkt Benjamin die Aufmerksamkeit wieder auf den russischen Schriftsteller Lesskow, den Protagonisten seiner Schrift und proklamierter Prototyp eines idealen Erzählers. Dieser beherrsche es, seine Geschichten nicht mit dem Element der Erklärung zu durchsetzen. Wunderbares wird mit Exaktheit erzählt, dem Lesenden bleibt die Psychologisierung verwehrt. Benjamin erkennt im Erzählten eine Schwingungsbreite, die die Information niemals erreichen kann. "Jeder Morgen unterrichtet uns über die Neuigkeiten des Erdkreises. Und doch sind wir an merkwürdigen Geschichten arm."

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HERODOT, DER ERSTE ERZÄHLER
Lesskow, der in die Schule der Alten gegangen ist, ist ein Schüler des ersten Erzählers der Griechen, Herodot. Im dritten Buch seiner "Historien" liest man vom dem Ägypterkönig Psammenit, der vom Perserkönig Kambyses geschlagen, gefangengenommen und auf die Straße mit Blick auf den persischen Triumphzug zur Demütigung gestellt wird. Seine Tochter und sein Sohn werden vorbeigeführt, beide einem grausamen Schicksal unterworfen, der König aber bleibt ruhig. Erst beim Anblick eines armen Mannes in der Menge verfällt er offensichtlich in tiefe Verzweiflung. Warum? Herodot bleibt uns eine Erklärung schuldig.

WAS RÜHRT DEN KÖNIG?
An dieser Geschichte will Benjamin den Kern der wahren Erzählung aufzeigen. Anders als die Information "verausgabt" sich die Erzählung nicht und ist somit beständig und auch nach langer Zeit "zur Entfaltung" fähig. Die Erzählung ist nicht abhängig vom Moment des Jetzt und Hier, deshalb sind ihre Interpretationsmöglichkeiten unendlich. Erzähler wie Lesskow und Herodot erklären nicht. So eine Geschichte "ähnelt den Samenkörnern, die jahrtausendelang luftdicht verschlossen in den Kammern der Pyramiden gelegen und ihre Keimkraft bis auf den heutigen Tag bewahrt haben."

DIE LANGEWEILE IST DER TRAUMVOGEL
Mit dem Schritt ins achte Kapitel dieses hervorragenden Textes von Walter Benjamin möchte ich meinen Exkurs über seine "Betrachtungen zum Werk Michail Lesskows" aus dem Jahre 1936 schließen. Vielleicht hat so manche/r LeserIn Resonanz mit dem verspürt, was Benjamin über die Umstände, die zum befürchteten Niedergang der Erzählkunst führte (noch immer führt?), vorbrachte. Die weitere Lektüre dieses Textes empfehle ich wärmstens (nicht nur weil man ihn so einfach im Internet aufspüren kann). Allein wegen sprachlicher Kreationen wie "Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet" ist das Lesen von Benjamins Schriften immer ein großes Vergnügen. Und weil sie mit einer Leichtigkeit bis in die Gegenwart hallen – wie es sich für eine gute Geschichte gehört.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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