Der Fehler, der mein Leben veränderte

Was die Olympischen Spiele für Sportler sind, das ist "Saturday Night Live" für Entertainer. Auch die junge Stand-up-Künstlerin Jenny Slate träumte davon, einmal auf der SNL-Bühne zu stehen, und ihr Wunsch ging 2009 in Erfüllung. Endlich. Und dann passierte es. In ihrer allerersten Liveshow rutschte ihr ein "fucking" heraus, am Ende der Staffel wurde sie gefeuert. In einem Interview erzählt sie, wie sehr sie in den Jahren danach mit sich kämpfte: "Ich kam nicht darüber hinweg. Ich war zu sensibel. Wenn ich auftrat, dachte ich, dass jeder mich hasst. Die finden, dass ich nerve, weil ich es immer noch versuche (…). Verpiss dich. Du hast versagt. Du erinnerst uns alle daran, dass wir auch versagen könnten. Verschwinde. Du bist die sterbende Antilope."

bucher0101Menschen, die offensiv über Fehler sprechen, wie Jenny Slate, oder Princeton-Professor Johannes Haushofer, der einen Lebenslauf des Scheiterns veröffentlichte, bleiben Ausnahmen, denn Versagen ist immer noch ein Tabuthema. In "Der Fehler, der mein Leben veränderte" erzählt Gina Bucher die Geschichten von zwanzig Menschen und ihren größten Fehlentscheidungen: eine falsch ausgefüllte Steuererklärung, Behandlungsfehler, Drogenmissbrauch, Mord im Affekt. Wie konnte es dazu kommen? Wie gehen sie mit Reue um? Wie hat dieser eine Moment sie verändert?

Die Gespräche hat Bucher zu kompakten Kapiteln zusammengefasst, in der ihre Interviewpartner aus der Ich-Perspektive berichten. Der Ton ist dabei oft distanziert, denn die Irrtümer und Taten liegen meist lange zurück. Die Lektüre ist dennoch aufwühlend. Neben den Erinnerungen der Betroffenen, von der ersten Ohnmacht hin zu paralysierenden Gefühlen von Reue und Schuld, stehen ihre ganz individuellen Erkenntnisse und Bewältigungsmechanismen im Vordergrund.

Durch die teils sehr intimen Selbstoffenbarungen gelingt es Bucher, zahlreiche Facetten des Scheiterns zu beleuchten. Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte einer jungen Ärztin. Sie verwechselt zwei Spritzen, in der Folge wird ihre Patientin zum Schwerstpflegefall: "So jung, wie ich war, hatte ich noch keinen Ausgleich, den ich dagegensetzen konnte. Würde mir jetzt wieder ein solcher Fehler unterlaufen, wäre das immer noch sehr furchtbar. Ich könnte aber immerhin eine Liste machen mit Menschen, die ich gerettet habe. Doch wenn man jung ist, hat man noch keine Plus-Seite. Ich konnte meinen Fehler mit nichts aufwiegen."

Dank der schonungslosen Offenheit der Interviewpartner provoziert das Buch auch unangenehme aber dringende Fragen über das Wesen von Schuld, Verleugnung und Verantwortung. Gibt es unverzeihliche Fehler? Verdient jeder eine zweite Chance? Warum fällt es uns immer noch so schwer, über das Versagen zu sprechen? Und warum freuen wir uns manchmal, andere scheitern zu sehen? Bucher selbst bleibt dabei in der sachlichen Beobachterperspektive und vermeidet übermäßige Interpretation oder gar Moralpredigten tunlichst. Erst im Epilog steuert die Autorin ihre eigene Sicht bei, neben Überlegungen von Priestern, Psychiatern, Philosophen und Soziologen.

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Viele der Geschichten aus diesem Buch schmerzen, und das ist ungewohnt in einer Welt der wahnhaften Ego-Optimiertung und Selbstvermarktung. Gerade deshalb resoniert das simple Fazit der Lektüre: Menschen fallen hin. Aber sie stehen auch wieder auf.    


"Der Fehler, der mein Leben veränderte: Von Bauchlandungen, Rückschlägen und zweiten Chancen", von Gina Bucher, erschienen bei Piper, 2018

 

Wien. Mehr Kultur.
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