Ein Ort, an dem Literatur gefeiert wird

bachmannpreis02Der Eröffnungsabend der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt entfaltet sich ähnlich wie in den Vorjahren: BesucherInnen finden sich noch etwas steif im ORF-Studio zurecht, blicken über Schultern, dort ein bekanntes Gesicht – einen weißen Spritzer bitte! Ob der Regen das Lesepublikum im Freien auch dieses Jahr aus dem schwülen Spannungszustand reißen wird? Ja, darauf kann man sich verlassen und darauf sind wir Literaturfestival-Liebhaber vorbereitet, raus mit den Regenschirmen, ab untern Pavillon und gebannt Feridan Zaimoglus tiefen, dunklen Stimme lauschen, seiner Eröffnungsrede auch mit den Augen in der Druckversion folgen: "Verlassen sind die Armen, verlassen sind die Frauen, verlassen sind die Fremden." Die schnörkellose Direktheit, der gediegene Vortrag, das belastend reale Thema lassen aufhorchen. Die Lese-Reihenfolge wird ausgelost, Worte von Politikern, von Sponsoren und Juroren – das Buffet ist eröffnet!

STRUKTUREN, STIMMEN, SCHREIBWEISEN
Einen roten Faden in einer Veranstaltung, die Autoren und Autorinnen mit unterschiedlichsten Hintergründen versammelt, die Texte mit einer Vielfalt an Strukturen, Stimmen, Schreibweisen und Bedeutungsebenen vorstellt und ein Jurorenteam aufstellt, das diese auf (zumeist) hohem Niveau zerpflückt (und oftmals wieder neu zusammenbaut), kann sich zu einem vekrampften Unterfangen entwickeln. Angenehmer scheint der Versuch, Themen und Motive aus den heurigen Texten zu fassen, mit denen sich besonders intensiv und artenreich auseinandergesetzt wurde.

DER BERG UND DIE GESCHICHTEN, DIE ER BIRGT
Die Österreicherin Raphaela Edelbauer eröffnet den dreitägigen Lesereigen mit "Das Loch" und löst sogleich eine durchwachsene Jurydiskussion aus. Den Publikumspreis sichert sie sich damit. Nervöses Erdreich, exakte Recherche und eine aufgeladene, wenn auch wackelige Statik werden darin detekiert. Für Auflockerung sorgt jedenfalls Nora Gomringers Sager: "Eigentlich sind ja alle Männer Auffüllungstechniker" und Stefan Gmünder hält trotz übereifriger Analysefreude seiner KollegInnen fest, dass man hier nicht beim TÜV sei, sondern in Klagenfurt.

Anna Stern, 3sat-Preisträgerin, macht in "Warten auf Ava" ihre in den Bergen verunglückte, schwangere Protagonistin zum schweigenden Zentrum einer Geschichte. "Sechs Arten des Trauerns" sieht Insa Wilke, die Rätsel und Mysterien bergen, welche jedoch für Hubert Winkels "Good-Will-Intentions" in der Diskussion heraufbeschwören.

"Serpentinen", Bov Bjergs Text über eine Vater-Sohn-Beziehung "gibt Gas in der Kurve" und ist für Keller endlich "radikal erzählt", und in der Lage eine Spannung zwischen warm und kalt zu halten. Relativ einhelliges Lob, was heuer keine Selbstverständlichkeit zu sein schien. Der Deutschlandfunk-Preis war Herrn Bjerg am Sonntag sicher.

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BEWUSSTSEINSERWEITERUNG IN WORT UND SCHRIFT
Drogen, Rausch, Trips: Motive, die dieses Jahr in Klagenfurt von den Autoren und Autorinnen immer wieder aufgegriffen wurde. Anselm Nefts "Mach's wie Miltos" gebärdet sich laut Gomringer wie ein "Hirngespinst, das ein Hirngespinst hat" und eine gut orchestrierte Fülle bietet. Klaus Kastberger würde den Text aber lieber auf einer anderen Bühne sehen, vielleicht am Lendhafen neben Drinks und Geplauder. Autsch.

Sein großer Favorit, Joshua Groß' flashig-trashiger Text "Flexen in Miami", aber fand zum Missfallen des Jurors nur bedingt Zuspruch aufgrund von "Vernutzbarkeiten" (Gmündner) und einer "Antiquiertheit", die sich hinter seinen "Thermomix-Metaphern" nicht verstecken kann (Michael Wiederstein).

In der Geschichte "Der Himmel über A9" von Lennardt Loß wandert das Bewusstsein des ehemaligen RAF-Bombers Hannes Sohr/Carl Fuchsler im Auge des Todes auf einem schmalen Grat zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Den Vorwurf einiger Jurymitglieder eines von Spektakeln überfrachteten Textes kann Wilke nicht nachvollziehen, belastete Biographien im Nachkriegsdeutschland waren keine Seltenheit.

In Stephan Lohses "Lumumbaland" sieht Kastberger Tendenzen von Herrndorfs "Tschick", eine gelungene Stimme im Jointnebel, der Text gehe aber von einem unwissenden Leser aus, dem man die Welt erst erklären müsse. Darin erkennt Hubert Winkels aber eine gekonnte Sprachspielerei.

Was ein "unbedarftes Delirium" sein soll, kann Hildegard Keller niemand wirklich beantworten. Kastberger versucht aber diese und Beschreibungen wie "1081 Mückenstiche" mit einem Gemisch an Kokain und Nachdenklichkeit zu erklären, das Jakob Noltes "Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war" als einen cineastisches Werk auszeichnet.

Eine Drogenerfahrung liest die Jury auch in Stephan Groetzners "Destination: Austria" hinein: Ein Text, der den Wettbewerb und die Provinz Österreich gekonnt parodiert, so findet zumindest Schweizer Juror Gmünder, der Kollegen Kastbergers Einwand, Klischees wie Austria/Australia-Verwechslungen satt zu haben, nicht nachvollziehen kann – denn "Provinz ist, wo ich bin", da braucht man nicht aus Österreich zu sein.

TOTE SPRECHEN IN KLAGENFURT
Özlem Ozgül Dündar hat mit der Sprachwucht "und ich brenne", die von lebenden und toten Müttern, von Tätern und Opfern, von Trauma und gnadenlosen Medien handelt, den Kelag-Preis mit nach Hause nehmen können. Ob man einen rechtsradikalen Hintergrund hineinlesen möchte oder nicht, sei laut Kastberger nicht von Wichtigkeit, die Sprache stehe für sich (Gmünder), wobei Gomringer ein Mitleid ausmacht, das den Text schwer belaste.

"Das letzte Schnappen macht den Unterschied." Martina Clavadetscher ging zwar ohne Preis nach Hause, aber wurde von Kastberger für den besten ersten Satz ausgezeichnet. In "Schnittmuster" wird einer toten Frau eine Stimme verliehen, die von Verletzungen, Vergewaltigungen und vor allem Verschwiegenheit der Generationen erzählt. "Bin endlich der Schädling, der ich immer sein wollte." Von Jurorin Wilke wird etwas mehr Mut zum Experimentellen trotz Kafkaesker Verwandlung gefordert.

MACHTWECHSEL IM KAMMERSPIEL
Ally Kleins "Carter", ein grell erleuchtetes Kammerspiel, in dem nichts passiert und doch geht es um alles (Gmündner). Ein Ich erkennt sich selbst im Unheimlichen (Gomringer), jedoch störe der Mangel an Logik (Wilke), deshalb wird der Text sich selbst nicht gerecht (Winkels). Besonders in dieser Diskussion erkennt der zeitweise gefrustete Kastberger "Philisterhaftigkeit" und empfiehlt einen Schritt vom Text zurückzumachen, um so das Ganze betrachten zu können. Ein Vorwurf, den die anderen Jurymitglieder nicht gern auf sich sitzen lassen (Wortlaut: Das ist doch unsere Aufgabe, bitte!).

Ein kleines Kammerspiel mit Regieanweisungen in einem pornographischen Setting konstatiert Kastberger Corinna T. Sievers' "Der Nächste, bitte!", die Geschichte einer Erotomanin, die sich im Zahnarztkittel über ihre Patienten hermacht. Hier wird die Debatte hitzig und droht an einem Punkt bei der Autorin-Text-Bezug-Frage zu kippen. "Was bei Ihnen in der Praxis am Montag wohl los ist? Vielleicht kann ich mir ja mal einen Termin ausmachen“ (Kastberger). "Vielleicht sitzt Martin Walser schon dort!" (Winkels). Nora Gomringer erbittet sich entschieden die Trennung von Autorin und Erzählung, die Köpfe werden eingezogen, ein schaler Nachgeschmack bleibt.

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DER INGEBORG-BACHMANN-PREIS GEHT AN …
Tanja Maljartschuk, die mit "Frösche im Meer" begeisterte! "Einen Vornamen brauchte er für die vielen Тage, die er nicht mehr zählte, und die Erinnerung für die vielen Nächte, in denen er wach blieb." (Auszug)

Das Fazit der Jury: "Gute gemacht! Endlich Literatur!" (Gomringer). "Eine einfache Geschichte von Einsamkeit, die sehr kompliziert ist" (Winkels). "Nichts auszusetzen" (Kastberger). "Eine seltsame Geschichte der Auslöschung mit unfreiwilliger Komik" (Keller). "Text wird von Empathie getragen" (Wiederstein).

Das Spektakel geht zu Ende, der Kärnten-Urlaub beginnt. Wir sehen uns im nächsten Jahr!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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