Netzwerken in der Wiener Moderne

Wenn man die Ausstellung "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl: Zentralfiguren der Wiener Moderne" im Literaturmuseum Wien durchwandert hat und Alan Bergs packende Kompositionen langsam im inneren Ohr abklingen und Platz machen für Reflexion, stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie in aller Welt schafften es Genies der verschiedensten Disziplinen sich in Wien um 1900 so gut zu vernetzen und gegenseitig unter die Arme zu greifen?

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Antworten in Form von Bildern, Dokumenten und unzähligen Briefen erwarten die Besucher der lebendig lehrreichen Ausstellung in drei Abschnitten: Unter die Lupe genommen werden Beziehungen von Alban Berg, Ludwig Wittgenstein und Berta Zuckerkandl zu bedeutenden Akteuren in Politik, Literatur, Bildende Künste und Architektur bishin zu Philosophie und Musik. Politiker wie Kulturschaffende wurden in den großteils gutbürgerlichen Kreisen gleichwertig geschätzt und gefördert in einem Wien, das spätestens bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges als Schmelztiegel geistiger und kultureller Strömungen florierte.

literaturmuseum02BERTA ZUCKERKANDL – SALONNIÈRE
Die charismatische Berta Zuckerkandl hat sich neben ihrer Tätigkeiten als Journalistin und Übersetzerin als wichtige Kulturvermittlerin etabliert, die sonntäglich ihren Salon zum jour fixe öffnete, um regelmäßig Gäste wie Gustav Klimt, Alma Mahler-Werfel und den expressionistischen Dichter Fritz von Unruh zu empfangen. Bewegende Briefe aus den Jahren des Ersten Weltkrieges erreichten sie von Stefan Zweig und Arthur Schnitzler, die einen Einblick in eine "große Zeit (Was werden wir nur anfangen, wenn sie – noch größer wird?)" geben. Zuckerkandl, die als Jüdin 1938 nach dem Anschluss Österreichs flüchten musste, hat – wie der Maler Koloman Moser in einem seiner Briefe beschreibt – mit ihrer "steten Fürsorge" einen Platz für neue Kunst geschaffen, den man in der Ausstellung wunderbar erkunden kann. Besonders interessant sind die Audio-Aufnahmen ihres geliebten Enkels Emile oder ihrer Nichte Hermine, der es "unbehaglich" ob der "Zurschaustellung" und "tiefen Velogenheit" der Salonbesucher wurde.

LUDWIG WITTGENSTEIN – WENN ALLES SO KLAR IST WIE EINE WATSCHEN
Ein strahlend roter Faden zieht sich weiter zu Ludwig Wittgenstein, der nicht allein wegen seiner außergewöhnlichen Biografie und seinem familieren Umkreis zu einer der bedeutendsten Figuren der europäischen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts wurde. Seine Schwestern Margaret, von Klimt porträtiert, und Hermine, vielseitig intellektuell interessiert, rebellierten gegen patriarchale Traditionen und führten unter anderem rege Korrespondenzen mit dem Maler Johann Victor Krämer. Während der Ersten Weltkriegsjahre verfasste Wittgenstein sein Hauptwerk "Tractatus logico-philosophicus", in dem er sich nicht zuletzt mit Sprache und dem Unaussprechlichen beschäftigt. In einem Brief an den Architekten Paul Engelmann hält er passend dazu fest: "Nur kein transzendentales Geschwätz, wenn alles so klar ist wie eine Watschen."

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ALBAN BERG – WO DIE SPRACHE VERSAGT
Vom sprach- und musikinteressierten Denker Wittgenstein wird der Bogen schlussendlich zum Komponisten Alban Berg gespannt, der den Philosophen und Bewunderer Bergs, Theodor W. Adorno, zu seinen Schülern zählte. Alban Bergs Mentor und Lehrer wiederum war der einflussreiche Komponist Arnold Schönberg. Seine lebenslange Liebe zur Literatur zeigte sich nicht nur in der exquisiten Auswahl bei Vokalwerken, persönliche Bekanntschaft pflegte er mit literarischen Größen Peter Altenberg und Karl Kraus. In einem Brief an Alma-Mahler-Werfel 1935, nachdem seine Musik als "jüdisch" diffarmiert wurde, hält der Komponist fest: "Ich will auch brieflich nicht versuchen, dort Worte zu finden, wo die Sprache versagt; mir sind doch auch sonst alle die Möglichkeiten versagt …"

DEM ROTEN FADEN ENTLANGWANDERN
Nicht zuletzt das jüdisch geprägte, im internationalen Kontext stehende Netzwerk, das neben einflussreichen Männern von emanzipierten Frauen getragen wurde, ist durch das Aufkommen nazistischer Bewegungen vehement zu zerschlagen versucht worden. Umso wichtiger und bedeutender ist es, diese Briefe und Dokumente über innige und außergewöhnliche Beziehungen der Wiener Kulturschaffenden lesen und nachspüren zu können.


Literaturmuseum Wien
Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl: Zentralfiguren der Wiener Moderne
Bis 17. Februar 2019

 

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