Wenn die Berufung zum Beruf wird

Peter Haselmayer und ich treffen uns an einem nebeligen Sonntagnachmittag in seiner Wohnung im 17. Wiener Gemeindebezirk. Die ist bereits wohlig warm vom Holzofen beheizt. Ein paar Stunden zuvor wurde ihm das Winterholz geliefert, immerhin ist die kalte Jahreszeit nicht mehr fern. Bei einer Tasse Kaffee, den er im Espressokocher am Herd zubereitet, sitzen wir uns zum ersten Mal gegenüber. Seine Kunstprojekte jedoch waren mir schon seit vielen Spaziergängen bekannt, denn seine im Erdgeschoss gelegene Wohnung hat ein besonders Feature: Schaufenster, die im Zuge seiner "radical love"-Happenings mit verschiedenen Kunstwerken ausgestattet sind.

walterego01

Während meiner Internetrecherchen zu Peter Haselmayer ist mir bereits aufgefallen, dass die "Bildnerische Emanzipation", wie er gerne die Stundenplan-Abkürzung "BE" übersetzt, in seinen Tätigkeiten als Lehrer und als Künstler einen hohen Stellenwert innehat. "Der Ausgangspunkt liegt immer auf der kritischen Auseinandersetzung", erklärt er. So möchte er in seiner Performance-Kunst wie auch im Unterricht ein kritisches Bewusstsein schaffen, um verschiedene Ebenen im Kunstwerk zu erkennen. Was bedeutet das? Was ist die Form und welchen Inhalt möchte sie transportieren? Was steckt dahinter? – Diese Fragen diskutiert Peter Haselmayer, der seine künstlerische Ausbildung in der Konzeptkunst begann, unter anderem mit seinen SchülerInnen.

Wie aber gestaltete sich der Weg seiner eigenen künstlerischen Emanzipation? Haselmayer wuchs in Wolfsbach (NÖ), in der "Provence", wie er den Ort schmunzelnd bezeichnet, als Sohn einer Arbeiterfamilie auf. In seiner Kindheit stand kulturelle Bildung nicht an allererster Stelle, an die 80er-Disco-Platten seiner Mutter kann er sich aber noch gut erinnern. Nach der Faschschule für Elektrotechnik arbeitete er zwei Jahre als Monteur. Im Alter von 15 Jahren wurde er mit Strömungen wie Anarchismus und Punk bekannt, über diese Subkultur fing er auch an, sich für gesellschaftskritische Texte zu interessieren, was ihn bald auf den politischen Aktivismus aufmerksam machte. So zog es ihn 2004 schlussendlich nach Wien, wo es eine lebhafte Aktivismus-Szene gab und wo Haselmayer erste Performances veranstaltete und Zettelgedichte in der Stadt anbrachte. In der Akademie der bildenden Künste schloss er den Fachbereich Post-Conceptual Art Practices ab und nach ein paar Jahren Arbeit als Lichttechniker bei Kunstmessen, also hinter den Kulissen beschäftigt ("Meine Kunst hätte ohnehin nicht in die Galerien gepasst."), entschied er sich für das Lehramtsstudium. Bald haben ihn Schulen angerufen, um "den Lehrer mit der kritischen Stimme" für sich zu gewinnen, entschieden hat er sich für das Gymnasium in der Fichtnergasse, in der er Schüler von der ersten bis zur achten Klasse bis zur Matura in "Bildnerischer Emanzipation" unterrichtet.

walterego02Performance und Vermittlung waren für Peter Haselmayer immer schon wichtige Säulen in seiner Kunst, somit scheint es nur natürlich, dass er auch auf dieser Basis seinen Unterricht gestaltet. Gibt es aber genügend Freiheiten im Lehrplan, die seinen Klassen eine fruchtvolle Auseinandersetzung mit spannenden Stoffen gewährleisten? Haselmayer denkt kurz angestrengt nach. Gewisse Themen und Techniken müssen schon vermittelt werden. Aber: "Für mich ist alles spannend. Stadtplanung zum Beispiel. Zurzeit beschäftigen wir uns mit Gentrification in der 6. Klasse. Auch vom politischen Standpunkt gibt das viel her." Er muss jedoch zugeben, dass der kommende neue Lehrplan schon etwas strenger aufgebaut ist. Und von KollegInnen weiß er, dass es zu wenig Zeit für die Auseinandersetzung mit Literatur gibt. "Dadurch ist es manchmal schwierig, etwas Lebendiges zu machen." Aber dadurch würden auch wieder neue Möglichkeiten entstehen, den Unterricht zu gestalten.

Fast obsolet scheint mir die Frage, ob er seine Berufung in seiner Tätigkeit als Künstler oder als Lehrer sieht. Ohne Umschweife bestätigt er, dass beide Bereiche seine Berufung sind. "In der Lohnarbeit habe ich mich nach intellektuellem Stimulus in einer Gemeinschaft, wie eben die Schule eine ist, gesehnt. In der Kunst ist es mit den Communities genauso." Er mache beides sehr gerne, auch wenn es anstrengend sein kann, beidem die gebührende Zeit zu schenken. Für sein Buchprojekt "Ich bin ein anderer", das 2016 unter dem Pseudonym Walter Ego bei bahoe books erschienen ist, hat er aufgrund des Zeitmangels die Ästhetik an die Produktionsbedingungen geknüpft und daraus sein Konzept gemacht. Mir fällt sogleich das Sprichwort ein: Aus der Not eine Tugend machen. Jedoch scheint mir das nicht ganz passend im Falle von Haselmayers Arbeit. Er überlegt sich vielmehr ganz genau, wie er Form und Inhalt zusammenbringt.

Abschließend möchte ich wissen, wie er von seinen SchülerInnen eigentlich aufgenommen wird. "Ich bin sicher ein bisschen der Freak in der Schule." Gleichzeitig schätzen sie sein hinterfragendes Wesen und möchten seine Standpunkte zu den verschiedensten Themen kennen. So bleibt die Diskussion stets dynamisch und auch aktuell: Musikvideos von Beyoncé werden genauso analysiert wie Projekte zu Denkmälern verwirklicht, über deren Bedeutung man beim alltäglichen Vorbeigehen noch nicht nachgedacht hat. "Grabe, wo du stehst" ist einer von Haselmayers Grundsätzen. Wenn ich da an meinen BE-Unterricht zurückdenke, stimmt es mich umso freudiger, dass die SchülerInnen des Gymnasiums Fichtnergasse in den Genuss eines so bemühten und engagierten Lehrers kommen!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top