Willkommen in der Slam WG

Die Lesebühne Sinn & Seife gibt es nun schon seit einiger Zeit und scheint immer gut besucht zu sein. Sie findet im 7Stern statt und diesmal bin auch ich mit dabei.

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Auf der Bühne heißt uns Mieze Medusa willkommen, die zusammen mit Markus Köhle, Christopher Hütmannsberger und Remo Rickenbacher (frisch zugereist aus der Schweiz) den Abend bestreiten wird. Wie es scheint, gibt es schon gewisse Traditionen, die jedesmal eingehalten werden: So beginnt der Abend immer mit einem Slam-Text, gefolgt von einem Text des Gastes. Es gibt auch immer einen "Skandal des Monats" sowie eine "Gute-Nacht-Geschichte" – bei beidem handelt es sich um Auftragstexte, die bestimmte Worte enthalten müssen und einer gewissen Textsorte entsprechen. Beides wird vom Publikum vorgegeben.

Dies alles erfahre ich in der Einleitung und erwarte gespannt das Kommende. Mieze Medusa präsentiert uns einen Text über sie selbst, die Zeit, Tschernobyl und den Zerfall. Auf Mieze folgt der Gast Remo Rickenbacher, der seinen ersten von drei Texten vorträgt. Es handelt sich dabei um eine Art "Google-Bewertung", wie man sie von Hotels oder Lokalen kennt, nur dass ein Wald bewertet wird. Ein selten lustiger Slam, der die Absurdität dieser Bewertungen gut zur Geltung und meine Lachmuskeln zum Schwingen bringt. Auch seine beiden anderen Texte sind so komisch, dass ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Bei einem erzählt er gegenchronologisch von einer Party, was zu einigen Überraschungseffekten führt, da man selten Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge zu hören bekommt. Remos dritter Text erfordert Publikumsbeteiligung und das ist meiner Meinung nach etwas, das immer amüsant ist – wenn es gut gemacht ist. Und Remo macht es ausgezeichnet und wieder komme ich vor Lachen fast um.

Die beiden Auftragstexte werden von Mieze Medusa und Markus Köhle vorgetragen. Miezes Text behandelt das Treffen mit sich selbst vor dem Spiegel und enthält auch einige starke Aussagen gegen das Patriarchat. Markus persifliert mit seinem Vortrag wunderbar eine Politikerrede, denn er hält sozusagen eine Kreisverkehr-Eröffnungsrede. Dies gelingt ihm sowohl sprachlich als auch von der Art des Vortragens sehr gut. Markus präsentiert des Weiteren ein kurzes Schneegedicht, einen Text, der die politische Landschaft Österreichs problematisiert und eine Laudatio auf den Wiener Grant ist. Alles ist gut präsentiert und obwohl es nicht so zum Lachen anregt, regt es sehr wohl dazu an innezuhalten und nachzudenken. Etwas, das mir persönlich auch sehr gut gefällt und einen guten Ausgleich zu den witzigen Texten darstellt.

Der wohl vielseitigste Slammer des Abends ist aber Christopher Hütmannsberger. Als Erstes liest er einen Auszug aus einer Gesichte vor, die er gerade schreibt und die bei jeden Auftritt weitergelesen wird. Man kommt mit, auch wenn man nicht weiß, was bisher geschehen ist. Als er das nächste mal dran ist, rappt er auf Englisch und stellt dar, wie es sein würde, wenn man in einer Magazin-Glanzwelt leben würde. Später präsentiert er einen traditionellen Slam, in dem er eine Utopievorstellung der Welt präsentiert und erklärt, dass Faschisten "scheiße" sind. Christopher beendet den Abend auch mit einem "Nachthupferl" – er trägt ein dadaistische Lied vor, in dem eigentlich nur katholische Feiertage aufgezählt werden.

Alles in allem ist es ein sehr gelungener Abend, voller Abwechslung und viel Gelächter. Die Stimmung ist durchgehend ausgelassen und jeder isst oder trinkt genüsslich, während den Vortragenden gelauscht wird. Es ist ein Abendprogramm, den ich jeder/n ans Herz legen kann, solange man sich nur ein bisschen für Sprache und Texte interessiert.

Die nächste Folge der Poetry Soap findet am 14. Februar statt!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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