In Zahlen gekleidet

Alles will heutzutage bewertet werden, vorzugsweise mit Zahlen zwischen eins und zehn. Egal, ob es Filme, seine eigenen Stärken und Schwächen oder Menschen sind, auf die man in Gesellschaft seiner Freunde ein Auge geworfen hat. "Boah, da läuft mindestens eine Neun!" Ich denke, jeder kennt solche Situationen, wenn auch vielleicht nicht in diesem Kontext, dann aber in einem anderen.

Natürlich wollen Menschen manchmal einfache Urteile, oft vorschnelle, damit wir den Haufen an Informationen aus unserer Umwelt entspannter verarbeiten können. Anstatt der Hektik und dem Bewertungszwang unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, indem man sich tiefgründiger mit seinen Bewertungen auseinandersetzt, reagiert man lieber affektiv auf das schöne Gesicht einer Person und presst seinen sinnlichen Eindruck nicht nur in sprachliche Grenzen, sondern dazu noch in ein starres, durchnummeriertes Gewand eines Zahlenzwischenraumes.

inzahlengekleidet01

Ein Beispiel: Eine Person hat nun ein Bezugsobjekt und bildet durch eine Erfahrung eine Art subjektives Verhältnis zu diesem Bezugsobjekt. Wenn jene Person darüber erzählt, dann objektiviert sie mittels der Sprache ihr subjektives Empfinden. Natürlich ist es schwierig, diesen Prozess zu unterbinden, da Sprache zwangsweise etwas Objektivierendes in ihrer Form hat. Im nächsten Schritt dann auch noch die Bewertung durch Zahlen hinzuziehen zu wollen, ist eine weitaus perfidere Taktik, etwas Subjektives noch weiter zu begrenzen und dadurch objektivieren zu wollen.1

"[...] denn die unglückselige Neigung unserer Zeit, alles in Ziffern auszudrücken, findet eine Mordtat um so erschrecklicher, je beträchtlicher die dabei geraubte Summe ist. [...]"
aus "Glanz und Elend der Kurtisanen", S. 402 von Honoré de Balzac.²

Dieses Phänomen und Problem ist sogleich älter und nicht umsonst Ausdruck menschlicher Verhaltensstrukturen, findet es sich doch auch in der Wertfreiheit der Wissenschaft wieder. Humes Sein-Sollen-Dichotomie ist unter anderem die Basis für diese Wertfreiheit, wenn es heißt, dass man von einem Sein nicht auf ein Sollen schließen kann.³ Deskriptive Aussagen führen also nicht zu normativen oder präskriptiven. Natürlich ist es logisch, dass jemand, der das Aussehen einer Person normiert, erwartet, dass sein Gegenüber diesen Normstandard nicht nur teilt, sondern sich ebenfalls mit dem dahinterliegenden Prinzip der Bewertung identifiziert.4

Vielleicht kann man sagen, dass dies nun wirklich ein "First-World-Problem" darstellt, aber damit würde man dem angesprochen Prinzip unterworfen sein. Stattdessen kann man begreifen, dass auch dieses Vorgehen für entsprechende Schwierigkeiten in unserem Leben sorgt und dass man gegen die resultierenden, negativen Effekte wie Neid, Eifersucht und Leistungsdruck ankämpfen könnte.

Gleichgültig, ob jemand eine optische 2 oder eine hübsche 7 ist, die Persönlichkeit und das Auftreten zählen. Eigenartigkeit hat die Kraft die Normvorstellungen zu sprengen und neue Normen zu setzen. Anstatt ständig am Aussehen arbeiten zu wollen, wäre es vielleicht nicht so verkehrt darüber nachzudenken, was die eigene Person, die eigene Sicht und die eigene, nicht verfälschbare Stimme in einem Selbst der Welt Neues entgegensetzen vermag. Aus Angst in der heutigen Leistungs- und Vergleichsgesellschaft keine Anerkennung zu finden, verdrängen wir das gerne und haben Angst vor Individualität.


1 Theodor Geiger: Ideologie und Wahrheit. Eine soziologische Kritik des Denkens. Luchterhand Neuwied und Berlin 2. Auflage 1968, S. 51
2 Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen. Bertelsmann Lesering, S. 402
3 David Hume: Ein Traktat über die menschliche Natur, Meiner, Hamburg 1989, Buch III, Teil I, Kapitel I
4 Hans Albert: Theorie und Praxis. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hrsg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971, S. 200–236

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top