Soziale Medien und Einsamkeit

Die Sucht nach sozialen Netzwerken ist in der heutigen Gesellschaft eine bekannte Ausprägung des jugendlichen Alltags. Als Katalysator negativer Selbstwertprobleme wie dem Gefühl der Wertlosigkeit und der Einsamkeit ist das Konzept sozialer Medien fest eingebunden in den Kapitalismus und schränkt das freizeitliche, private Leben ein.

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Bevor man Entwicklungen der heutigen Jugend überhaupt erfassen kann, sei erstmal die Motivation dieses Vorhabens nicht nur erklärt, sondern vor allem im Hinblick auf die Dringlichkeit solcher Phänomene hinterfragt. Wichtig scheinen sie aus dem Grund zu sein, und dies mag jeder aufmerksame Beobachter, dem die Empirie als prägnantester Faktor seiner dienlich ist, bereits im Alltäglichen vermerken, dass eben die Jugend keine Schuld an der in weiten Feldern verbreiteten Sucht nach sozialen Medien trägt. Nein, die Verantwortung liegt zu großen Teilen in den Mechanismen derjenigen Unternehmen, die mittels Produkten besagte Gedankenlosigkeit erst auf dem Markt etabliert. So banal manche lauthalsige Rufe der älteren Generationen auch scheinen, erahnen sie affirmativ die sich auf den zwischenmenschlichen Umgang auswirkenden Konsequenzen doch mit einer gewissen Trefferquote, obgleich sie allerdings nicht den vernünftigen Schlussstrich bis zu der Instanz der Anbieter jener Apps und Software-Programme ziehen.

Dem Kern dieser Applikationen jedoch ist eine Ideologie immanent, welche als konstituierendes Gespenst den Menschen heimsucht und in flagranti in das alltägliche Bewusstsein sich verschanzt. Der heute zutage tretende Informierungsdrang, das ständige Up-To-Date-Sein verwirklicht sich durch das Konzept sozialer Medien fortwährend und ungebremst weiter. Die sich dazu gesellende Vergleichbarkeit öffentlicher Profile ist die radikalste Variante der kapitalistischen Methode, den lebendigen Menschen in seinem Selbstinszenierungstrieb zu jeder Sekunde als zu toten Bits und Bytes umgerechneten Datensatz zu konzipieren und zu verwerten.

Doch angekommen sind die Prozesse bereits an dem besorgniserregenden Punkt, an dem nicht nur das private Leben publik gemacht wird, sondern die bekannte Floskel "Der Kunde ist König." in ihrer Bedeutung nicht nur keine Gültigkeit mehr in sich trägt, sondern den Kunden zum Verkäufer seiner Selbst pervertiert. Das Unternehmen ist damit nicht nur der eigentliche Kunde, sondern vor allem auch der wirkliche König.1

Versuche von Jugendlichen solchen Prozessen zu entsagen, werden von Mitschülern, die als Teile dieser Mechanismen fungieren, unterbunden und die Nicht-Angemeldeten als verschrobene Hinterwäldler verschrien. Verwehrt werden jene Bemühungen zusätzlich durch die Ausgrenzung der Aufständischen von dem selbst in der Freizeit leistungsorientierten Prozessen des sozialen Lebens. Kollegen eröffnen Facebook-Gruppen, um Termine zu bequatschen, Hochschulen und Universitäten bilden Gruppen für Studenten im ersten Semester und erzählen das Gleiche wie Redende bei der Erstsemester-Begrüßung oder dem Mentoring. Den Sinn solcher Gruppen sucht man zwar vergebens, doch entpuppt sich der gedankliche Zwang diesen Gruppen beizutreten als kein geringerer als dem einer Angst, etwas verpassen zu können oder kein Teil einer sozialen Gruppe werden zu können. Insgemein ist das der Ausdruck einer Angst vor der Einsamkeit, die hingegen ein wichtiger, gesunder und notwendiger Teil unseres Lebens ist.

"[...] Every person needs to learn from childhood how to spend time with oneself. That doesn’t mean he should be lonely, but that he shouldn’t grow bored with himself because people who grow bored in their own company seem to me in danger, from a self-esteem point of view."²
Andrej Tarkowskij

 


1 Theodor W. Adorno: Résumé über Kulturindustrie in Kulturkritik und Gesellschaft I. Suhrkamp 2016. S. 337
2 Un poeta nel Cinema: Andreij Tarkovskij. Donatella Baglivo. Italien 1984. TC: 00:38:10-00:38:56

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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