Christos anesti! – Alithos anesti!

Die griechisch-orthodoxe Gemeinschaft berechnet Ostern nicht nach dem gregorianischen Kalender, so wie wir, sondern nach dem julianischen. Deswegen kann man Ostern theoretisch zwei Mal im Jahr feiern, wie ich es heuer bei der Familie meines Schwagers in Deutschland gemacht habe. Nur strenger: ohne Osterhasen und ohne Ostereiersuche, aber mit mehr Essen.

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Keine Angst, gebetet wird nicht, und sie zwingen einen auch nicht an ihrem Ostersonntag in die Kirche zu gehen, aber im griechisch-orthodoxen Glauben ist Ostern wichtiger als Weihnachten, was auch Sinn ergibt, wenn man länger darüber nachdenkt. Was ist beeindruckender: eine Geburt oder eine Auferstehung?

Langsam trudeln alle ein, Onkeln und Tanten, und Kinder und wer sonst noch will. Das Telefon läutet ununterbrochen. Gefühlt ganz Griechenland wünscht dem Haushalt "Christos anesti". Traditionell wird ein Lamm oder ein Zicklein zu Ostern am Spieß gegrillt. Alleine das Befestigen des Lammes auf der massiven Eisenstange ist ein Spektakel (für diese gibt es übrigens einen eigenen Motor, damit das Fleisch schön gleichmäßig gebraten wird). Wie bindet man es am besten fest? Mit welchem Material? Draht oder Plastik? Die Schweißperlen stehen den griechischen Herren auf der Stirn; der Zigarettenrauch taucht die Szenerie in ein merkwürdig mystisches Ambiente. Die Eingeweide des Tieres werden später gebraten und unter anderem als Vorspeise aufgetischt.

Essen gibt es ab dem Zeitpunkt, zu dem man das Haus betritt. Also in unserem Fall ab zehn Uhr vormittags. Dann kann man zunächst einmal frühstücken, wenn man will. Danach gibt es hart gekochte Eier, die alle nur rot gefärbt werden dürfen, weil das Blut Jesu’ war doch auch rot und nicht grün oder gelb. Und ab da in etwa wird auch Alkohol verschenkt. Dieses Mal nicht den klischeehaften Ouzo, sondern selbst gebrannten Tsipouro des Großvaters, der vermutlich nicht so scharf in der Kehle brennen soll, wie er es bei mir tut. Eine halbe Stunde später bin ich betrunken. Die griechische Verwandtschaft findet es lustig.

Klassisch griechisch herrscht auch die Rollenverteilung vor: Die Frauen (insgesamt drei) stehen in der Küche und kochen; die Männer (insgesamt vier) stehen am Grill und bepinseln aufwendigst das Zicklein mit einer Marinade (gemischt von der Hausherrin), schlagen sich nebenbei die Bäuche voll und prosten sich stolz zu. Geraucht wird viel. Ich wage mich hinaus und geselle mich dazu. Sie fragen, was ich mache. Sie wollen mir einen Job vermitteln, ich soll doch hierher ziehen, ob ich es vorhabe, welche Zulassungen ich denn brauche, sie besorgen mir alles, welcher Typ Mann mir denn gefalle; sie besorgen ihn mir – woraufhin mir kurz vor der Hauptspeise alle einen guten Bräutigam wünschen – der Alkohol minimiert meine Verwirrung nicht gerade.

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Am Buffet nimmt man sich so viel man will. Ich belade meinen Teller mit allem, was mir zusagt (alles). Meiner ist voll mit Feta, Teig gefüllt mit Feta, Teig gefüllt mit Feta und Spinat, usw. Zehn Minuten später fühle ich mich als ob ich gleich platze. Zuerst denke ich, dass ich nie wieder einen Bissen hinunter bekomme. Dann sehe ich jedoch eine halbe Stunde später die Desserts am Buffet stehen. Zur Nachspeise gibt es unter anderem eine leichte Buttercremetorte. Wie eine Buttercremetorte leicht sein kann?, frage ich die Tante, die den Kuchen gemacht hat und erhalte keine Antwort.

Anschließend sind alle müde, voll, zufrieden und träge. Einige legen sich in die Sonne und dösen kurz weg. Ich könnte auf der Stelle einschlafen. Eines weiß ich sicher: Ich komme irgendwann wieder, allein wegen des Essens lohnt es sich.