Kunst braucht Zeit. Und leben auch.

muße001Yay, die Google-App-Entwickler zeigen uns, wie man zu einem ausgeglichenen, gebildeten und rundherum-glücklichen Menschen wird! Hier lernst du, wie du deine Zeit effizient nutzt, und dabei völlig vergisst zu leben.

Mein Leben ist eine puristisch designte Tabelle. Sieben Spalten mal 24 Zeilen. Für jede Stunde eine Zelle. Nur ein Klick auf die Google-Kalender App und schon füllt das Raster den 4-Zoll Screen aus, in den ich mindestens 20% meines Tages starre. Eine dünne blaue Linie zeigt stets auf die Minute genau an, wo in diesem Zeitgitter ich mich gerade befinde.

Ich weiß nicht mehr genau, wann die Tabelle in mein Leben trat, aber sie kam auf jeden Fall in Begleitung. Sie brachte ein deutlich erhöhtes Schritttempo mit. Und mit ihr kam auch der Ärger. Über die schreienden-quietschenden-streitenden-lachenden Kinder in der 41er, deren gefühlt 200 Dezibel mich dabei stören, hektisch durch mein Email-Postfach zu scrollen. Über die Oma, die provokant langsam die Stufen in die alte Straßenbahn hochklettert. (Sieht sie nicht, dass ich eh schon zu spät dran bin?) Über den DHL-Boten, der sich aus reiner Boshaftigkeit tagelang weigert, mein Paket zuzustellen.

Die Tabelle erinnert mich, mich zu ärgern über all die Menschen, die es sich ganz offensichtlich und mutwillig zum Ziel gesetzt haben, meine Zeit zu verschwenden: Die Beim-Bäcker-10-Minuten-über-die-Brot-Wahl-Nachdenker, und die Beim-Billa-ewig-das-passende-Kleingeld-Sucher, und ganz besonders die Gegen-Meeting-Ende-unnötige-Fragen-Steller. Alle eben, die durch ihre rücksichtslose, selbstsüchtige Trödelei die Homöostase meiner sorgfältig kalibrierten Tabelle gefährden.

Meine Tabelle hat Priorität. Sie hat ganz offensichtlich einen viel offizielleren Charakter als deine pathologische Entscheidungsangst was Backwaren betrifft! Meine Tabelle gilt, das beweisen die klar abgegrenzten weißen Zellen, die exakten Zeitangaben und die unaufhaltsam fortschreitende blaue Linie. Die Tabelle ist immer wahr und sie lügt nie.

Die Tabelle hat nur einen einzigen, winzigen Nachteil: Sie hat mich zu einer rasenden, ungeduldigen Kinder-Großmütter-und-andere-Menschen-hassenden Zynikerin gemacht.

Die Google-App-Developer müssen das geahnt haben, denn sie haben schon vor einiger Zeit ein neues Feature eingeführt, die "Goals". Meine Kalender-App bittet mich nun, hier und da eine der weißen Zellen in meinem Raster mit einem Ziel zu füllen, und dabei bietet sie mir dankenderweise bereits eine Auswahl vorformulierter Goals an: "Sport – Lauf, mach Yoga, bring deinen Körper in Bewegung", "Freunde & Familie – Schaff Zeit für die Menschen, die am meisten zählen", oder "Me-Time: Lese, meditiere, kümmere dich um dich selbst". Sehr hilfreich ist auch folgendes Ziel: "Erwirb/trainiere eine Fähigkeit: Lern eine Sprache, übe ein Instrument zu spielen". Da bekommt #goals eine völlig neue Bedeutung!

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Besonders die beiden letztgenannten Goals finde ich großartig, denn ich will sowieso wieder mal ein richtig gutes Buch lesen und viel mehr ins Theater gehen und immer die von der Kritik gelobten Filme sehen, das war heuer sogar mein Neujahrsvorsatz! Und dafür brauche ich, dank Google, nun nicht mal mehr darauf warten bis das Bedürfnis nach all dem in mir aufkommt oder ich etwas Muße habe. Das ist ohnehin aussichtslos – man hat schließlich Deadlines und Meetings und überhaupt: DENK AN DIE BLAUE LINIE!

Seit es die Goals gibt, bin ich viel ausgeglichener. Jeden Montagmorgen, von 5:00-6:00 Uhr früh, lasse ich mich so richtig fallen und genieße in vollen Zügen meine Me-Time. Mittwoch abends von 18:45-19:30 Uhr "bringe ich meinen Körper in Bewegung", und mittlerweile schaffe ich die Runde im Park sogar in exakt 40 Minuten, sodass anschließend sogar noch fünf Minuten für eine entspannende Dusche drin sind! Jeden dritten Donnerstag pünktlich um 20:00 Uhr erinnert mich meine App des Vertrauens mein Wissen zu erweitern. Aktuell bin ich in weniger als zwei Stunden durch mit Albertina, Kunstforum und dem Kunsthistorischem. Das nenne ich Kulturgenuss auf höchstem Effizienzniveau! Was "die Menschen, die am meisten zählen" betrifft, bin ich – und darauf bin ich zugegebenermaßen stolz – besonders großzügig, die erhalten nämlich gleich zwei Slots: Donnerstag 13:00-13:30 Uhr und an Samstagen sogar von 16:40-19:00 Uhr.

Trotzdem sind da immer noch einige freie Zellen: leuchtende Schandflecken in meinem ansonsten durchstrukturierten Tagesablauf. Wann immer die blaue Linie an eine dieser freien weißen Zellen stößt, bin ich etwas ratlos. Was tut man, wenn man keine vorgegebene Aufgabe hat? Woran erkennt man danach, dass man das nicht-vorhandene Goal erfüllt hat?

Wie verhindert man, dass all die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse in einem hochkriechen, vor denen man sonst mit so beeindruckender Effizienz wegläuft?

Ich bin zuversichtlich, dass die Google-App-Entwickler bald eine Lösung finden werden.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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