Hals- und Herzbruch.

herzschmerz01 01Dieser Artikel ist, um es mit einer aktuellen, populärkulturellen Anspielung zu sagen, ähnlich wie der neue Avengers-Film. Eine Kulmination aus Jahren der Entwicklung, verschiedenste Handlungszweige finden hier zueinander und selbst auf einer Metaebene verbinden sich hier einzelne Puzzleteile zu einem großen Ganzen. Dieser Artikel ist zum Teil wie eine Origin Story von mir als "etc."-Schreiber.

Ein gebrochenes Herz, eine Kränkung, ist sowohl eine schmerzvolle, private Angelegenheit, als auch eine soziökonomische Beobachtung einer der häufigsten Gründe für Leid überall auf der Welt, die gleichzeitig ständig unterschätzt wird. Worauf ich hier hinaus will, ist dass - im Gegensatz zu Scheidungen und Todesfällen von Angehörigen - Trennungen und das Versterben von geliebten Haustieren wenig beachtete Fälle von gebrochenen Herzen sind, die dennoch einen großen Einfluss auf unserer Produktivität, unseren Alltag, ja unser ganzen Leben haben können.

An dieser Stelle kann ich nur wirklich den Ted-Talk "How to Fix a Broken Heart" und das gleichnamige Buch von Dr. Guy Winch empfehlen, denn er ist als langjähriger praktizierender New Yorker Psychologe ganz anders als andere Selbsthilfebuchautoren an das Thema rangegangen. Seine Ratschläge sind wirklich hilfreiche Selbshilfetipps und zielen nicht nur darauf ab, einen in Rekordzeit wieder zum "Funktionieren" im Alltag zu bringen. Denn worauf es vor allem ankommt, ist nicht einfach nur Zeit, Gras über die Sache wachsen zu lassen, sondern darauf, wie man diese Zeit nutzt. Wie man Schlussstriche zieht und was man von seinen Freunden, Familie und sonstigem sozialem Fangnetz erwarten kann und darf, wie man aufhört sich selbst Vorwürfe zu machen und man nicht mehr nach Gründen sucht oder solche konstruiert.

Winch erklärt mit Witz und Mitgefühl, nicht nur anhand von mehreren Jahrzehnten Berufserfahrung, sondern zudem auch medizinischen Studien, warum wir nach einer Trennung zum Beispiel in unendlich scheinende Löcher fallen. Denn der empfundene Schmerz einer derartigen psychischen Verletzung wird nachweislich tatsächlich wie immenser physischer Schmerz empfunden. Wie man aus Mechanismen, die einen in ewig gleichen Überlegungen gefangen halten ausbricht und vor allem sich selbst die Zeit gibt zu heilen, wird hier auf den Punkt gebracht und ungeschönt dargelegt.

Ein anderes Buch zu diesem Thema ist "Die Macht der Kränkung" von Reinhard Haller. Mehr noch als nur individuellen Schmerz zu beleuchten, zeigt er, wie die Geschichte von vor allem kollektiver Kränkungen häufiger geprägt wurde, als einem oft bewusst ist. Die Kränkung von empfundenem Unrecht der Bevölkerung hat nicht selten Krieg und Leid ausgelöst, nicht selten zu noch mehr Kränkung geführt. Als Beispiel kann man hier die gegenseitigen Kränkungen des Deutschen Kaiserreichs und der Französischen Nation sehen, die mitunter Gründe für den Ersten Weltkrieg waren. Oder die Kränkung des verlorenen Vietnamkriegs für die USA, der heute noch eine der kollektivtraumatischten Ereignisse in der Geschichte des Landes ist und immer noch nicht komplett aufgearbeitet werden konnte.

Da ich selbst seit geraumer Zeit von einer Kränkung und Trennung zu einem gewissen Teil betroffen bin, weiß ich, wie schwer es sein kann, damit umzugehen, wenn eigene Erwartungshaltungen an andere und sich nicht erfüllt wurden. Wenn man von Menschen, die man glaubt zu kennen, enttäuscht wird. Man ist nicht allein - man braucht vielleicht etwas mehr Zeit als andere, aber das heißt nicht, dass man es nie schaffen kann. Die Zeilen "Laugh, and the world laughs with you, weep and you weep alone" von Ella Wheller Wilcox' Gedicht "Solitude", wirken zwar bei Zeiten wie eine erdrückende Wahrheit, eine Verzweiflung herbeiführende Erkenntnis. Sie verlieren dennoch ihren Schrecken.

Ich habe vor drei Jahren beim etc.-Magazin begonnen zu schreiben, einem Zeitpunkt als ich an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war und mir hat es geholfen, nicht nur für meine akademische Laufbahn Erfahrungen zu sammeln, sondern wieder zu mir selbst zu finden.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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