Falsche Vorstellungen

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Nach Simmering muss ich also. Einer dieser Wiener Bezirke, in die man nicht mal zufällig kommt, weil man dort etwas zu erledigen hat. Übrigens gibt es da eine Strachegasse. Sie ist zwar nicht nach unserem Vizekanzler benannt (ich hab's gegoogelt), aber es wirkt dann doch fast ironisch, wenn man dort unterwegs ist und das Feindbild dieser Partei besuchen fährt.

Der Weg zu ihnen ist lang und langsam fühle ich mich, als ob ich bereits in Niederösterreich wäre und die OMV riechen könnte. Das Wohnhaus erinnert an die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Eingangstüre ist kaputt und steht offen. Die Farbe splittert von den Wänden. Sie wohnen zu acht auf achtzig Quadratmeter: zwei Familien zu je vier Personen. Die andere Familie ist heute Abend im zweiten Bezirk eingeladen.

Erwartet habe ich mir ganz klischeehaft in meinem Kopf, dass die Ehefrau ein Kopftuch tragen und tendenziell eher konservativ eingestellt sein wird. In der Tür stand dann eine sehr junge Frau, ohne Kopftuch, sehr leger gekleidet. Deutsch kann sie nicht, nur wenige Floskeln so wie: Hallo? Wie geht's? Gut? Sie soll auch in einen Deutschkurs gehen, sage ich meinem Schüler. Aber wer kümmert sich dann um die beiden Kinder?, fragt er mich. Apropos Kinder: Die sind ein und drei Jahre alt und süß, extrem süß mit ihren riesigen braunen Knopfaugen und ihrem vielen dunklen Haar. Sie haben etwas Angst vor mir und der Kleinere beginnt elendig zu weinen als seine Eltern mich kurz mit ihm alleine lassen. Daraufhin verlassen sie den Schoß ihres Vaters nicht mehr und beäugen mich ab und zu kritisch. Wahrscheinlich wundern sie sich, wer diese fremde Frau ist. Die noch dazu eine andere Sprache spricht. Die Ehefrau richtet in der Zwischenzeit alles in der Küche her. Vier Stunden stehe sie jeden Tag in der Küche und koche, wenn Ramadan sei, erklärt mir mein Schüler.

Immer wieder starrt er auf sein Handy und ich frage, was es denn da Spannendes zu sehen gebe. Das ist ein Kompass. Damit sie wissen, wo die entsprechende Himmelsrichtung zum Beten ist. Ich nicke freundlich und kriege innerlich Panik, weil ich fast Angst habe, dass dann die Familie ihre Teppiche vor mir ausbreitet und beginnt, ihre Suren aufzusagen. Bereits zuvor habe ich nachgeschaut, wann der Sonnenuntergang heute ist, damit ich in etwa weiß, wann es Essen geben wird. Jetzt fürchte ich mich, wenn die Minuten vergehen. Mein Schüler übersetzt zwischen mir und seiner Frau: Sie habe Hunger, ach so großen Hunger. Das letzte Mal habe sie vor Ewigkeiten gegessen. Die Zeit vergeht natürlich wie im Flug; immer wenn man es am wenigsten will. Ich denke mir: Hilfe, gleich fängt es an. Was mache ich dann? Schließlich schreit der Muezzin aus dem Handy. Ich stehe auf. Aus Höflichkeit? Unsicherheit? Sie kommen und sagen: Setzen, setzen, es gibt Essen. Keine Teppiche, kein Beten, kein Aufstehen und Hinknien.

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Wir essen am Boden. Vor uns liegt ein Plastiktischtuch, wie meine Urgroßmutter es gehabt hat. Darauf stellen sie Pommes, Taboulé, Reis mit Huhn und Erbsen, und andere syrische Köstlichkeiten, deren arabische Namen ich mir nicht merken kann. Normalerweise versenken alle einfach ihre Löffel in den großen Tellern und nehmen sich davon. Nur ich bekomme einen Teller, einen Löffel und eine Gabel. Sie sind stolz, dass ich da bin und freuen sich. Ich muss Fotos machen mit den Kindern und seiner Ehefrau; seinem Bruder zuwinken, als er über das Handy anruft und versprechen, dass ich bald wieder einmal kommen werde und länger bleibe. Dann gäbe es auch Kuchen.

Am Schluss bin ich mir nicht mehr so sicher, warum die Menschen im Ramadan fasten – ist es mehr aus Tradition oder aus Religion?

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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