Von Immunisierung bei Geschmacks-Urteilen

Wie oft hört man in der Kunstrezeption Redewendungen wie "Geschmäcker sind verschieden", "Das ist nunmal meine Meinung" und auch "So ist halt mein Geschmack". Durch solche Aussagen impliziert man jedoch nicht nur einen unveränderlichen Ist-Zustand des ästhetischen Urteils, sondern auch einen intersubjektiven Geltungsanspruch der eigenen Meinung mittels der Sprechhandlung. Dieser dereistische Rückverweis auf seinen subjektiven Geschmack ist als Argument ungeeignet. Bisweilen deuten solche Formulierungen auch den erwähnten Ist-Zustand der eigenen Urteile an, negieren allerdings, dass eben jene Urteile einem Entwicklungsprozess unterliegen. Indessen sind Veränderungen Kennzeichen von Prozessen. John Locke erkannte, dass der menschliche Verstand bei der Geburt ein weißes Blatt Papier ist und im Laufe seiner Lebenserfahrungen zunehmend mehr Erkenntnisse und Urteile in seinen Verstand "schreibt".1 Und nicht nur bei Esskulturen sind die sinnlichen Präferenzen und Aversionen Sozialisations- und Enkulturationsprozessen ausgesetzt, sondern auch bei jeglichen anderen Arten von Kultur.²

clarity

Unweit liegen also zwei Schlussfolgerungen über den Prozess der ästhetischen Urteilsbildung: Nämlich zum einen die mögliche Konditionierung von Geschmack wie sie beispielsweise die Marketingbranche ausgiebig betreibt (siehe dazu der Mere-Exposure-Effekt).³ Zum anderen entsteht durch die kulturelle Kategorie „Geschmack“ die Partizipation an sozialen Gruppen. Diese beiden Potentialitäten werden im Kapitalismus selbsterklärend ausgeschlachtet wie beispielsweise die im Marketing verwertete Genre-Theorie dies zeigt. Kategorisierungen in Kunst- und Unterhaltungsfilm oder in E- und U-Musik weisen noch gröbere Einteilungen auf. Das Pathologische hierbei entsteht nicht durch eine neutrale Einteilung der sich ähnelnden ästhetischen Dogmen, sondern die dadurch entstehenden sozialen Gruppen, welche in extremen Fällen traditionalistische oder fundamentalistische Gedanken in bestehende Kategorisierungen platzieren. Zumindest aber konstituieren sich so innerhalb einer sozialen Gruppenstruktur auch Normen, Ideologien und Merkmale für einen sozialen Status.

Solche alltäglichen Immunisierungsstrategien führen jedoch niemanden zu Erkenntnissen, sondern lediglich zu einem ennuyanten Tischtennis-Spiel, zum subjektiven Meinungsaustausch mit unbegründeten Positionen. Diskurse mit hermeneutischen Methoden4, gehaltvollen Argumenten und der Offenheit, auch andere Geschmäcker auszuprobieren, führen jeden Kulturinteressierten weiter als den Geschmack als gesellschaftlich-soziales Distinktionsmittel unbewusst anzuerkennen5 und damit der Totalität der gesellschaftlichen Klassengegensätze zu huldigen.6


 1: John Locke: An Essay concerning Humane Understanding. Hg. Peter H. Nidditch. Clarendon. Oxford. 1975
2: Volker Pudel: Verhaltens- und Verhältnisprävention – wie wirksam ist Ernährungserziehung?. S. 34–36
3: Robert Zajonc: Attitudinal Effects of Mere Exposure. Journal of Personality and Social Psychology. 1968. 9. 2. S. 1 – 27
4: Otto Friedrich Bollnow: Die Objektivität der Geisteswissenschaften und die Frage nach dem Wesen der Wahrheit. Zeitschrift für philosophische Forschung. 16. Jg. 1962. S. 3 - 25
5: Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp. Frankfurt am Main. 1982.
6: Theodor W. Adorno u.a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Deutscher Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main. 1993.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top