Balsam für die Seele

balsamfürdieseele001

Die Gewinnerinnen des Protestsongcontests 2018 nahmen mich mit auf einen kleinen Road Trip zu ihrem nächsten Auftritt. Lupin (ja, von Harry Potter) – das sind Hannah und Tanja, oder umgekehrt, wie ihr wollt. Also fahren wir nach Drosendorf, wo keine Menschen auf der Straße sind und nicht enden wollende Sonnenblumenfelder an einem vorüberziehen, während man auf sein Handy starrt, weil man kein Netz hat.

Nach einem kleinen Umweg (boshafte Zungen behaupten, wir hätten uns verfahren), bei dem wir zuerst Drosendorf-Altstadt – ja, das gibt es – mit dem Auto durchquerten, um anschließend aus Drostendorf-Stadt wieder hinauszufahren – ja, das gibt es auch –, um dann wieder in Drosendorf-Stadt wieder hineinzufahren – waren wir endlich da. Ich kam mir vor, als ob ich in ein anderes Jahrzehnt aussteigen würde und habe das Gefühl anscheinend mehrmals mit diversen Aussagen (z. B.: Die können so was, Surbraten, gut kochen.) auch bestätigt, wie Tanja irgendwann einmal später feststellt. Da musste ich über meinen Stadtsnobismus schon selber lachen.

Im Waldviertel gehen die Uhren anders; im Gasthaus ist nichts fertig, die Technik (oder so) steht im Raum und wartet darauf, von Hannah und Tanja aufgebaut zu werden. Seit etwa drei Jahren spielen die zwei gemeinsam, aber kennen sich schon viel länger. Und das merkt man, die gemeinsame Ruhe, die sie ausstrahlen, wenn sie über den Ablauf reden oder ihre Gitarren stimmen.

Einen Tontechniker gibt es nicht, und ein paar Mal glauben wir, dass unser Trommelfell platzt, während sie versuchen, an einem Mischpult Knöpfe in die richtige Richtung zu drehen. Die Mikrofone geben merkwürdige Geräusche von sich und ich beobachte das Spektakel eher gelassen, weil die beiden gelassen bleiben, genauso wie der Veranstalter gelassen bleibt. Als der Koch uns während der Aufbauten fragt, warum wir nicht auf der Terrasse sitzen und die wunderschöne Landschaft bewundern, antworte ich, dass es zu kalt dafür sei, um gerade irgendetwas zu bewundern. Während er nur im T-shirt und Jogginghose bekleidet an uns vorübergeht und scherzhaft "Ausländer" murmelt. Um noch dann lautstark zu verkünden, dass alles, das weiter als Horn liege, sowieso Ausland sei. Kann ich nachvollziehen.

balsamfürdieseele0102

Lupin entscheidet sich dann unplugged, mit Gitarre, Melodica und Rasselananas, zu spielen und das ist dann auch gut so. Weil es ideal passt zu dem Ort, den Menschen und zur Band; die Atmosphäre einfach stimmig ist. Eine halbe Stunde dauert in etwa ihr Set. Sie beginnen immer mit Coverliedern, damit sich ihre Nerven beruhigen, wie sie mir erklären. Die klingen wunderbar ruhig und fragil, wenn die zwei die Worte fast in die Luft hauchen.

Umso schöner sind die eigenen Lieder, die alle auf Deutsch sind und wie ein Spiegelbild unserer Generation wirken, mit Verlustängsten, Depressionen, übermäßigem Alkoholkonsum und einer sehr innigen Beziehung zu einer Yucca-Palme, die für die eigene Gemütslage entscheidend ist. Als sie darüber singen, dass man mit dem Rauchen aufhört, um jeden Abend alleine Gin Tonic zu trinken und ich mich an mich selbst erinnert fühle, muss ich lächeln. Musik entschleunigt den Alltag und lässt einen sich nicht ganz so alleine fühlen auf dieser Welt.

Den Protestsongcontest von FM4 haben Hannah und Tanja damals gewonnen mit ihrem Lied "1 Lied gegen Sexismus", das dem Zeitgeist vorausgehend die #MeToo-Debatte aufgreift und die subtilen und im Endeffekt doch auch verstörenden Alltagssituationen vieler Menschen thematisiert. Das Lied darf deshalb natürlich nicht fehlen. Die ZuhörerInnen sind am Ende begeistert. Ich bin es auch, weil man gar nicht mehr nachschauen will, ob das Handy nun Empfang hat und nur noch den zwei wunderbaren Frauen zuhört und in ihrer Musik versinkt.

Wer jetzt Lust bekommen hat, Lupin auch endlich einmal live erleben zu dürfen, kann dies Gott sei dank am Popfest am 28. Juli oder am Ende des Sommers am Gürtel Nightwalk. Viel Spaß. wir sehen uns dort!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top